Routine. Mammographie – Sonographie: Unklarer Befund…

März 27th, 2012

Unklarer Befund.

Und sofort ist es wieder da.

Das Gefühl, wie es ist, von Minute zu Minute zu leben. Zukunft bedeutet Angst. Von Minute zu Minute leben. Von jetzt zu jetzt. Kein Gleich. Kein Später. Kein Morgen. Zukunft bedeutet Angst. So vertraut: von Minute zu Minute. So geborgen. Von Minute zu Minute.

Alle Sonne von jetzt ist für mich. Das Vogelgezwitscher von jetzt ist für mich. Der einzige Sinn: mir das Leben schön zu machen. Das Leben, das jetzt wieder nur bis zum Tellerrand geht. Außerhalb des Tellerrands zwitschern Vögel, um andere aus ihrem Nistrevier zu vertreiben. Da geht es um Brut, um Aufzucht nachfolgender Vogelgenerationen. Alles Zukunft. Geht mich nichts an.

Auf der Autobahnauffahrt vorbeifahren an ungepflegten Böschungen. Müll. Zerfetzte Plastiktüten in Büschen. Was soll’s. Dann sterben wir eben. Die Welt war wenigstens nicht immer schön. Kahle Sträucher und blattlose Gebüsche. Wie öde. Wie trist. Warum hängt man eigentlich am Leben? An dieser Welt?

Und dann muss man den liebsten Lieben so viel Leid bescheren. Das ist das eigentlich Unerträgliche. Das Leid der Liebsten. Unerträglich.

Wieder zurück: Tellerrand. Von Minute zu Minute. Es erträglicher machen. Die unfreiwillige Fastenzeit. Fasten müssen am Leben.

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Ohne Vergangenheit kein ICH

Juni 8th, 2011

Wir sind verwoben mit unserer Geschichte. Unsere Persönllichkeit entsteht aus ihr und mit ihr. Ohne Vergangenheit gibt es kein Ich. Ein Ich nur in Gegenwart und Zukunft würde nichts über sich wissen. Vergangenheit zeigt uns unsere Geschichte. Unsere Erfahrungen und Erlebnisse, unsere Erinnerungen entstammen alle der Vergangenheit. Aus ihnen sind unsere Überzeugungen und Einstellungen, unsere Wertvorstellungen und manche Charaktereigenschaften entstanden. Das, was uns heute ausmacht, ist ohne Vergangenheit nicht vorstellbar. Hätten wir nur das Hier und Jetzt, könnten wir unsere Einstellungen ändern, wie es uns gerade beliebt, denn sie wären abhängig von der Tagesform oder von einer aktuellen Situation. Wir wären keine konstante Persönlichkeit, sondern ein Schnellreaktionsbündel, das sich nicht lange mit Entscheidungsfindungen herumplagt. Strenggenommen hätten wir auch keine Zukunft. Denn wenn wir ein Morgen denken könnten, würden wir schlussfolgern, dass unser Heute schon morgen ein Gestern wäre, also Vergangenheit. Ohne Zukunft würden wir auch nicht an die Konsequenzen unserer Handlungen denken. Alles bliebe – zumindest für uns als Zeitlose – folgenlos. Damit wäre es einerlei, wie wir handelten. Ob so oder anders – es wäre doch ziemlich egal. Wir würden niemals Werte verletzen können, weil wir gar keine Werte hätten. Wir müßten keine Konsequenzen ausbaden, weil wir ohne Vergangenheit auch keine Zukunft kennen würden. Wir könnten nicht authentisch handeln, denn dazu braucht man ein Ich, dem man gerecht werden will. Es wäre überflüssig, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, denn eine Wahrheit, die nur heute gilt und selbst kein Morgen hat, ist wertlos.

Nun sind wir aber Menschen mit Vergangenheit und Zukunft. Wir haben unsere Einstellungen durch Erfahrungen entwickelt. Wir haben durch Erlebnisse unsere Gefühle und unsere Werte entwickelt. Wir handeln verantwortlich, weil wir um die Zukunft wissen. Wir haben unser bisheriges Leben unter der Voraussetzung gelebt, dass es eine Zukunft gibt und dass es sich lohnt, ihr entgegenzuleben.

Was passiert jetzt, wenn wir plötzlich eine Krebsdiagnose bekommen?

Dann haben wir zunächst einen großen Teil unserer Vergangenheit unter Voraussetzungen gelebt, die jetzt gar nicht mehr gelten. Mein Ich ist möglicherweise ohne Zukunft. Mit diesem Gedanken haben wir bisher normalerweise nicht gelebt. Im Gegenteil. Eine solche Diagnose treibt einen gehörigen Bruch in unsere Biografie. Die Voraussetzungen, unter denen wir bisher gelebt haben, stimmen nicht mehr. Neue Orientierungen sind so schnell nicht da. Sie müssen erst langsam wachsen. Wir müssen uns erst hineinfinden.

Wir müssen nicht nur den Krebs bekämpfen. Wir müssen auch vom Bruch in unserer Biografie genesen. Dazu brauchen wir Zeit: für das neue Ich muss das Jetzt Vergangenheit werden.

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