Gerechtigkeit gibt’s nur bei uns

Mai 18th, 2015

“Warum ich?” oder “Womit hab ich das verdient?” – Das sind Fragen, die Krebserkrankte sich selbst und ihren Ärzten häufig stellen. An Krebs zu erkranken, wird von vielen Menschen als zutiefst ungerecht empfunden. Was antworten Ärzte dann? Den meisten fällt nur diese Antwort ein: “Gerechtigkeit gibt es nicht.”

Sehr tröstlich, was? Ok, Naturwissenschaftler und Menschen, die immer das Gegenständlich-Objektive und Reale suchen, die mögen das so sehen. Wer so denkt, für den ist Krebs genau der Beweis dafür, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Geisteswissenschaftler aber – und zu denen gehören Philosophen -  sehen das anders: Es gibt Gerechtigkeit, und zwar als Idee. Es gibt sie nicht in der Natur. Sie ist eine Erfindung von Menschen.

Eigentlich ist das ganz einfach: Schon die Frage, ob ich eine solche Krankheit verdient habe, zeigt, dass ich eine Vorstellung von Gerechtigkeit habe. Jede Person weiß intuitiv, dass das jetzt nicht gerecht ist,  wenn diese (oder eine andere) Krankheit oder ein anderer Schicksalschlag über sie hereinbricht. Gerecht wäre, dass das Leben einfach so weiterginge wie bisher. Es gehört einem schließlich schon seit der Geburt und jetzt soll es einem gestohlen werden? Mit welchem Recht? Die Erfahrung von Ungerechtigkeit lässt ein Gefühl von Empörung in uns toben.   Da Krebs zudem oft als ein Todesurteil angesehen wird, ruft er ein Gefühl von Ohnmacht und Verzeiflung hervor. Es scheint so, als bekäme man die Todesstrafe, obwohl man gar nichts verbrochen hat.  So etwas empfinden wir als ungerecht.

Krebs und wir, wir passen nicht zusammen. Denn Krebs (wie andere Krankheiten und Schicksalsschläge auch) weiß nichts von Recht oder Gerechtigkeit. Er kommt aus der Natur und agiert nach ihrem Gesetz: Wer stärker ist, gewinnt. Ob jemand es verdient hat, steht überhaupt nicht zur Debatte. Demgegenüber haben wir Menschen die Idee der Gerechtigkeit entwickelt, weil wir uns als Menschen respektieren wollen, weil wir vor dem Gesetz alle gleich sein wollen, weil wir Respekt vor unseres Gleichen haben wollen und ihn von anderen erhalten wollen. Indem wir uns so behandeln, gestehen wir uns gegenseitig Respekt, Autonomie und Würde zu. Philosophen wie Kant sind der Meinung, dass wir ein Gefühl dafür haben, dass wir in dem Anderen auch uns selbst wertschätzen, weil wir in ihm einen Gleichen erkennen. Kant nennt es das “Sittlichkeitsgefühl”. Es ist das, was aus Naturwesen Kulturwesen macht. (Das heißt nicht, dass alle Menschen sich auch wie Kulturwesen verhalten. Wir sind autonom und können uns auch dagegen entscheiden. Dummerweise.)

Krebs passt nicht in unser Werteverständnis. Er torpediert es. Und die Angst, dass wir den Kampf verlieren, ist sehr groß.

Welchen Trost gibt es? Vielleicht nur den: dass wir zu dieser Spezies dazugehören, die eine solche wunderbare Idee wie Gerechtigkeit erfinden und entwickeln konnte. Wir können uns in diese Idee neu verlieben, weil wir in dem Moment ihren tiefen Wert erkennen. Vielleicht kann man für diese Erfindung die Menschheit lieben, zu der man schließlich selbst gehört. Unser Leben ist damit noch nicht gerettet, unsere Gesundheit noch nicht wieder hergestellt, aber wir haben uns mit einer großen Idee verbunden. Das ist ein wieder hergestellter Sinn, der uns in der Katastrophe trösten kann.

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Ungerechtigkeit

Dezember 12th, 2012

Plötzlich kommt wieder so eine Nachricht: A hat Krebs. Oder: B hat Krebs. Nach der ersten Fassungslosigkeit stellt sich eine Trauer ein oder eine Angst. Und manchmal auch Wut und ein Gemisch von allem. In der Wut schwingt ab und zu so etwas mit wie: warum denn ausgerechnet meine liebste Freundin? Warum denn diese starke Frau? Wo es doch so viele Doofe gibt, die nicht mal Schnupfen haben. Wie ungerecht. Und wenn es dann noch Eltern trifft, die ihre Kinder erkranken sehen oder kleine Kinder, die ihre Eltern erkranken sehen, dann ist die Ungerechtigkeit noch größer. Womit haben sie das verdient?

Natürlich haben sie das gar nicht verdient. Krebs und der Körper, den er befällt, gehören zur Natur. (Natur im Sinne von Physik, Biologie, bio-chemischen Prozessen.) Diese Natur kennt keine Gerechtigkeit. Sie kennt nur das Recht des Stärkeren. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Sie entstammt nicht dem Reich der Natur, sondern dem Reich der Ideen. Wir Menschen sind in der Lage, Gerechtigkeit als Idee zu erfinden und sie praktisch werden zu lassen. Natur kann das nicht.

Und das ist manchmal der einzige Trost in den schwarzen Tagen, dass wir selbst nicht ausschließlich diese Krankheit sind, sondern auch etwas anderes. Dass wir zu einer Gattung gehören, die solch wunderbare Ideen entwerfen kann. So bitter sich Mensch-Sein in der Krankheit anfühlen kann, so großartig ist es auch.

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Kümmere Dich nicht um Deine Gefühle – die ziehen Dich nur runter…

September 23rd, 2011

Klingt seltsam, oder? In einer Gesellschaft, in der wir alle therapiert sind und Psychologen und Therapeuten für alle unsere Probleme da sind, halten wir gemeinhin unsere Gefühle für das Wahre, das eigentliche Ich. Ich fühle, also bin ich…

Aber die  Überschrift ist das Ende der Geschichte. Angefangen hat alles ganz anders.

Am Anfang war ich nur irritiert. Später habe ich mich enorm aufgeregt.

Es begann bei einer Podiumsdiskussion, die ich zu moderieren hatte. Die Leiterin einer Krebsselbsthilfegruppe ließ die Bemerkung fallen:

“Die Frage >Warum ich?< soll man sich ja gar nicht stellen.”  “???” “Ja, das wird  immer wieder gesagt.”  “AAA-Ha.”

Die zweite Situation war der Vortrag einer Psychoonkologin: “Fragen Sie bloß nicht >Warum ich?< – da kommen Sie in Teufels Küche.”

Da saß ich nun als Patientin und als Philosophin mit zwei Staatsexamen und hörte mir an, wie die Frage “Warum ich?” mit einer Art Denkverbot versehen wurde. Wie kann das sein? Für mich und andere Philosophen repräsentiert die Frage “Warum ich?” die gesamte existenzielle Situation eines Menschen, der die sinnhafte Einheit seiner Biografie verloren hat. Die schockhafte Diagnose wirft einen Menschen in eine fundamentale existenzielle Krise. Das muss gar keine psychische Krise sein. Die Plötzlichkeit der Diagnose trennt einen Menschen von Gewissheiten und Sicherheiten, die bisher galten. Auf einmal stimmt gar nichts mehr. Alles ist aus den Fugen. Was vorher wahr war, nämlich dass man sich gesund fühlte, dass Zukunft einfach immer da und planbar war, dass das eigene Leben so unbedroht war, dass es einem gar nicht auffiel – das war auf einmal alles gelogen. Das Leben vorher erscheint wie abgetrennt. Die Sinnfrage stellt sich radikal. Da braucht man irgendeine Verbindung, eine Brücke, die wieder einen “gesunden” Zusammenhang zu dem Leben vorher und dem Leben jetzt herstellt. Ein “gesunder” Zusammenhang könnte gestiftet werden durch eine sinnvolle Erklärung. Der Weg dahin wurzelt in der Frage “Warum ich?”.

(Durch den intensiven öffentlichen Diskurs über Krebs fragen sich heute auch schon viele PatientInnen “warum nicht auch ich?” Das ist nicht weniger philosophisch, setzt es doch beim eigenen Mensch-Sein an.)

Die Furcht vieler Therapeuten und Psychoonkologen ist, dass Menschen, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, sich in eine niederziehende Spirale von Schuldgefühlen verstricken, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Die vorgezeichnete Antwort für viele – so wird befürchtet – würde die Vorstellung sein, dass eine Krebserkrankung eine Strafe sei für vorherige Verfehlungen. Das ist in Kulturen, die sich “Du-sollst-nicht-Moralen” verbunden füheln, kein Wunder (!). Schulderzeugende Denkmodelle müssen unbedingt hinterfragt werden und an Alternativen gemessen werden. Dazu braucht man ein dialogwilliges, kluges Gegenüber.

Aber einfach zu raten, beschäftige Dich lieber nicht  mit der Frage, ist ungefähr so, als würde ich jemandem in einer verzweifelten Lage sagen: “Kümmer Dich nicht um Deine Gefühle, die ziehen Dich nur runter.” Genauso wie Gefühle, ist die Frage “Warum ich?” nämlich einfach da. Existenzielle Situationen haben das so an sich, dass sie Fragen aufwerfen und wir nicht unbedingt frei entscheiden können, ob wir uns ihnen stellen oder nicht. Sie stellen sich uns. Wenn wir sie verdrängen, geben wir vieles von uns auf: die Reflexion über uns und unser Leben, die Deutungschancen unserer Widerfahrnisse, einen Weg in unsere autonome, mentale und wertegebundene Verortung.

Also: Wenn Sie fühlen, dass ein “Warum ich?” sich in Ihnen entfacht hat, dann stellen Sie sich die Frage ruhig. Und suchen Sie sich kluge und weise GesprächspartnerInnen. Und kneten Sie gemeinsam jede Antwort gut auf ihren Sinngehalt durch. Und entscheiden Sie am Schluss, welche der Antworten Sie am besten trägt. Sie werden es merken: Denken hilft!

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