Philosophieren mit Bildern (5) Ein Baum nach der Chemo

April 20th, 2011

Unter einem schönen Baum stellt man sich prototypisch wohl immer einen mit voller Krone vor. Groß gewachsen, kräftiger Stamm, grün im Laub. Etwa so wie eine Kastanie. Ein Baum wächst über Jahrzehnte, manche über Jahrhunderte, wenn man sie lässt. Er verändert sich durch alle Jahreszeiten. So schön er im Frühling blühen kann, so intensiv kann er im Winter “tot sein” spielen.

Manchmal ist ein Baum auch wirklich tot. Oder so stark zurechtgestutzt, dass man ihn nicht wiedererkennt.

bis 11.Feb. 2011 Kaiserswerth 012

Keine Zweige, keine Blätter. Ein bizarres Gerippe. Die verbliebenen Äste sind um seinen Stamm verteilt und lassen seine vormalige Größe ahnen. Wahrscheinlich sähen alle anderen Bäume seiner Umgebung ohne Äste und Laub auch so aus. Aber er ist der einzige, der sich so zeigt. Ein sehr individueller Blickfang. Bizarr und spannend. Ungewöhnlich und apart. Vielleicht etwas erschreckend oder traurig. Aber faszinierend, weil er etwas zeigt, was man normalerweise an einem Baum nicht sieht.

Etwas Intimes. Sonst durch Laub verhüllt. Etwas Wesentliches, unverstellt. Etwas, das am längsten von ihm bleibt.

Ein Baum nach der Chemo. Was zeigt er, wenn der Kopfputz fehlt? Ein so spannendes Formenspiel, dass man den Blick gar nicht abwenden möchte.

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Abschiedsritual

Januar 18th, 2011

Abschied schmerzt. Endgültiger Abschied schmerzt dauerhaft. Deswegen sind Abschiedsrituale wichtig. Sie lindern den Schmerz. Warum können sie das?

Abschiedsrituale,  die in Gemeinschaft gefeiert werden,  lindern Schmerz, weil sie ermöglichen, ihn zu teilen. Sie schaffen ein Erlebnis, das in die Zeit nach dem Verlust gehört. Sie sind eine Verbindung zwischen der Zeit mit dem Menschen, der nun gestorben ist und der Zeit nach seinem Tod. Der Bruch, mit dem der Tod die Zeit des gewohnten Miteinanders von uns trennt, wird so verbunden.

Das mobile Hospiz- und Palliativteam der Tiroler Hospizgemeinschaft feiert ein Jahresritual, dessen Bilder sich lohnen, angeguckt zu werden.

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Fragen am Ende des Lebens

Oktober 22nd, 2010

In meinen gestrigen Vortrag “Fragen am Ende des Lebens” für das Hospiz in Lüneburg habe ich über einen Konflikt gesprochen, der Menschen bei einer Krebsdiagnose heimsuchen kann. Mitten in den Schock, den die Erkrankung oft bedeutet, mischt sich manchmal Verzweiflung. Ein philosophisches Gespräch hat gute Möglichkeiten, aus der Verzweiflung herauszuhelfen. Denn hinter ihr verbirgt sich eine Vorstellung von gerechter, fairer Behandlung. Etwa so: Ich möchte eigentlich vom Leben genauso wichtig genommen werden, wie ich auch mein Leben wichtig nehme. Das wäre gerecht, ausgewogen, ausbalanciert. Oder: Ich habe mein Leben geschenkt bekommen und möchte es auch behalten. Als Kind haben wir das oft gesagt: Geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestolen. Da ist dann das Gefühl: Es ist unfair, was diese Krankheit mir antut. Manche Menschen forschen auch nach einem Grund oder einer Ursache, warum ihnen diese Krankheit beschert wird. Etwa: Was habe ich verbrochen, wofür das jetzt die Quittung ist. Auch das ist eine Vorstellung von Gerechtigkeit im Sinne von Ausgleich. Etwas Gutes wird mit Gutem vergolten und etwas Böses mit Bösem. Es wird eine Balance, eine Ausgewogenheit wieder hergestellt. Man kann in einem philosophischen Gespräch nach vielen Seiten abwägen, was an einer solchen Haltung sinnvoll ist und was daran nicht sinnvoll ist. Man kann über die Gründe reden, warum jemand das denkt, was er denkt. Man kann z. B. fragen,warum Böses mit Bösem vergolten werden soll. Und man kann schließlich überlegen, welche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness man verwirklichen würde, wenn man die Welt selbst erfinden würde.

Am Ende sagte einer der Zuhörer, dass es Gerechtigkeit doch gar nicht gäbe. Ob es Menschen bei Erdbeben oder Flutkatastrophen träfe, es sei niemals gerecht. Das stimmt, wenn es die nicht-menschliche Natur betrifft. Die handelt nicht nach Prinipien der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Ohne Menschen gäbe es sie nicht. (Was nicht automatisch heißt, dass es sie mit Menschen denn gibt.) Ohne Menschen gäbe es aber nicht einmal die Idee von Gerechtigkeit. Und nur weil wir diese Idee haben, regen wir uns überhaupt darüber auf, wenn es ungerecht zugeht. Auch wenn wir in unserem Handeln die Prinzipien von Gerechtigkeit nicht walten lassen, spüren wir dennoch ziemlich schnell, wann wir dagegen verstoßen. Ganz im Unterschied zu Krebs, Erdbeben und Überschwemmungen. Die kommen einfach und haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

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Melancholie – eine weise Traurigkeit

August 25th, 2010

Ist es schlimm, traurig zu sein?

Menschen mit einer Krebsdiagnose haben sicher allen Grund, traurig zu sein. Das Leben wäre so schön ohne Krankheiten, Chemos und Nebenwirkungen. Ohne Katastrophen leben zu können – das wäre das Paradies. Genau.

Wenn man im Paradies lebt, ist man aber schon tot. (Oder man begeht wie Adam und Eva ein Bagatelldelikt wie Mundraub und wird fristlos entlassen.)

Es gibt auch auf Erden den Versuch, paradiesische Zustände zu leben. Man muss von morgens bis abends zähnefletschend strahlen und schlechte Laune oder Trauer einfach wegdefinieren. In seinem Buch „Unglücklich glücklich“ nennt Eric G. Wilson das einen kulturellen Zwang zur „american happiness“. Sie wird gleichgesetzt mit Depression, mit Willensschwäche,  oder wird ausgelöst durch das Fehlen von Tabletten. American happiness bedeutet, dass ich Glück und Trauer strikt voneinander trennen muss und nur dem Glück nachstreben darf.

Wilson aber plädiert für eine bestimmte Traurigkeit, die wir Europäer „Melancholie“ nennen. Melancholie ist eine philosophische Traurigkeit. Sie entspringt aus der Haltung heraus, dass Glück und Trauer, Höhen und Tiefen, zum Leben gehören und sich abwechseln. Der Ursprung des melancholischen Zustands liegt nicht in den eigenen Kindheitstraumata, sondern darin, dass ich erkenne, dass das Leben spielt – auch mit mir spielt und dabei manchmal mächtiger ist als ich. Es kann mir Dinge zufügen, die ich nicht will, die ich aber nicht abwehren kann.

Aber in dem Moment, in dem ich begreife, dass es ohne Tiefen gar kein Leben gibt, kann mich diese Melancholie ergreifen. Ab da habe ich im Unglück immer auch die tiefe, ruhige Gewissheit in mir, dass ich gerade eng mit der Wirklichkeit des Lebens verbunden bin. Ab da ahne ich in jedem Glück, dass es ein wunderbares Geschenk ist, das auch einmal vorbei sein wird. In dem Moment, in dem ich begreife, dass es gar nicht in meiner Macht steht, viele dieser Tiefen zu vermeiden, dass sie mich schicksalhaft treffen –  in dem Moment kenne ich diese Traurigkeit. Sie wird mich nie wieder verlassen, weil sie auf der Erkenntnis des Lebens beruht. Und hinter eine Erkenntnis kann man niemals wieder zurück. Wenn wir über die Unvollkommenheit der Welt trauern können, dann bringt uns diese Traurigkeit sehr viel. Sie bringt uns „in Einklang mit der Wirklichkeit“ (S. 45). Das ist ein wirklich philosophisches Lebensgefühl.

Wilson, Unglücklich glücklich

Eric G. Wilson: Unglücklich glücklich. Von europäischer Melancholie und American Happiness. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Held. Stuttgart (Klett-Cotta) 2009

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