Wann ist der Mensch krank – wann ist er gesund?

Oktober 20th, 2015

Zu dieser Frage versammelten sich vor ein paar Tagen eine Gruppe von Menschen, um sie in einem NewSocraticDialogue zu beantworten.

Der NewSocraticDialogue ist eine Methode, bei der eine überschaubare Gruppe von Menschen von einem Beispiel ausgehend versucht, eine verallgemeinerbare und konsensuelle Antwort auf eine Frage zu entwickeln, ohne Zuhilfenahme von Büchern u.ä..

Wir waren uns ziemlich schnell einig, dass Gesundheit ein Ideal ist, das wohl kaum ein Mensch erreicht. Die Älteren haben Arthrose, die Jüngeren vielleicht Karies oder schiefe Zähne, die gerichtet werden müssen (müssen?).

Wenn wir also nie komplett gesund sind, kommt es darauf an, wie wir uns selbst sehen, ob wir uns als krank oder als gesund bezeichnen. Und wie wir uns dazu verhalten. Denn wenn wir sagen, wir seien krank, und gleichzeitig nichts dagegen unternehmen, dann verhalten wir uns widersprüchlich. Oder umgekehrt, wie es ein Teilnehmer formulierte: „Gesundheit ist, wenn man es der ärztlichen Behandlung entzieht.“

Mein Fazit nach dem Gespräch ist das:

Ein Mensch ist eher krank, wenn er nach Heilung sucht, um die Krankheit zu bekämpfen.

Hat er die Diagnose/den Zustand akzeptiert und versucht, damit zu leben, ist er weniger krank. Um damit zu leben, kann ihm helfen:

  • psychischer Wille, die Krankheit nicht ins Zentrum seines Interesses zu stellen, sondern stattdessen beglückende Momente oder andere Lebensziele, die Erfülltheit schenken
  • Kenntnisse über die Krankheit, z. B. den Verlauf kennen, oder die Dauer der Schmerzwellen kennen
  • Methoden und Techniken, mit denen sich Schmerzen lindern oder vermeiden lassen
  • Möglichkeiten außerhalb seiner selbst, trotz der Krankheit eine Lebenserfüllung zu finden. Diese Möglichkeiten können sowohl Hilfsmittel wie Rollstühle als auch Menschen sein, von denen man geliebt wird oder mit denen man befreundet ist und die einem Zuwendung schenken.

Diese Antworten waren nicht auf eine tödliche Krankheit bezogen, sondern auf eine chronische, die nicht zum Tod führt. Trotzdem habe ich erlebt, dass sie auch auf die Zustände passen, in denen Menschen wissen, dass sie an der Krankheit sterben werden.

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Kümmere Dich nicht um Deine Gefühle – die ziehen Dich nur runter…

September 23rd, 2011

Klingt seltsam, oder? In einer Gesellschaft, in der wir alle therapiert sind und Psychologen und Therapeuten für alle unsere Probleme da sind, halten wir gemeinhin unsere Gefühle für das Wahre, das eigentliche Ich. Ich fühle, also bin ich…

Aber die  Überschrift ist das Ende der Geschichte. Angefangen hat alles ganz anders.

Am Anfang war ich nur irritiert. Später habe ich mich enorm aufgeregt.

Es begann bei einer Podiumsdiskussion, die ich zu moderieren hatte. Die Leiterin einer Krebsselbsthilfegruppe ließ die Bemerkung fallen:

“Die Frage >Warum ich?< soll man sich ja gar nicht stellen.”  “???” “Ja, das wird  immer wieder gesagt.”  “AAA-Ha.”

Die zweite Situation war der Vortrag einer Psychoonkologin: “Fragen Sie bloß nicht >Warum ich?< – da kommen Sie in Teufels Küche.”

Da saß ich nun als Patientin und als Philosophin mit zwei Staatsexamen und hörte mir an, wie die Frage “Warum ich?” mit einer Art Denkverbot versehen wurde. Wie kann das sein? Für mich und andere Philosophen repräsentiert die Frage “Warum ich?” die gesamte existenzielle Situation eines Menschen, der die sinnhafte Einheit seiner Biografie verloren hat. Die schockhafte Diagnose wirft einen Menschen in eine fundamentale existenzielle Krise. Das muss gar keine psychische Krise sein. Die Plötzlichkeit der Diagnose trennt einen Menschen von Gewissheiten und Sicherheiten, die bisher galten. Auf einmal stimmt gar nichts mehr. Alles ist aus den Fugen. Was vorher wahr war, nämlich dass man sich gesund fühlte, dass Zukunft einfach immer da und planbar war, dass das eigene Leben so unbedroht war, dass es einem gar nicht auffiel – das war auf einmal alles gelogen. Das Leben vorher erscheint wie abgetrennt. Die Sinnfrage stellt sich radikal. Da braucht man irgendeine Verbindung, eine Brücke, die wieder einen “gesunden” Zusammenhang zu dem Leben vorher und dem Leben jetzt herstellt. Ein “gesunder” Zusammenhang könnte gestiftet werden durch eine sinnvolle Erklärung. Der Weg dahin wurzelt in der Frage “Warum ich?”.

(Durch den intensiven öffentlichen Diskurs über Krebs fragen sich heute auch schon viele PatientInnen “warum nicht auch ich?” Das ist nicht weniger philosophisch, setzt es doch beim eigenen Mensch-Sein an.)

Die Furcht vieler Therapeuten und Psychoonkologen ist, dass Menschen, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, sich in eine niederziehende Spirale von Schuldgefühlen verstricken, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Die vorgezeichnete Antwort für viele – so wird befürchtet – würde die Vorstellung sein, dass eine Krebserkrankung eine Strafe sei für vorherige Verfehlungen. Das ist in Kulturen, die sich “Du-sollst-nicht-Moralen” verbunden füheln, kein Wunder (!). Schulderzeugende Denkmodelle müssen unbedingt hinterfragt werden und an Alternativen gemessen werden. Dazu braucht man ein dialogwilliges, kluges Gegenüber.

Aber einfach zu raten, beschäftige Dich lieber nicht  mit der Frage, ist ungefähr so, als würde ich jemandem in einer verzweifelten Lage sagen: “Kümmer Dich nicht um Deine Gefühle, die ziehen Dich nur runter.” Genauso wie Gefühle, ist die Frage “Warum ich?” nämlich einfach da. Existenzielle Situationen haben das so an sich, dass sie Fragen aufwerfen und wir nicht unbedingt frei entscheiden können, ob wir uns ihnen stellen oder nicht. Sie stellen sich uns. Wenn wir sie verdrängen, geben wir vieles von uns auf: die Reflexion über uns und unser Leben, die Deutungschancen unserer Widerfahrnisse, einen Weg in unsere autonome, mentale und wertegebundene Verortung.

Also: Wenn Sie fühlen, dass ein “Warum ich?” sich in Ihnen entfacht hat, dann stellen Sie sich die Frage ruhig. Und suchen Sie sich kluge und weise GesprächspartnerInnen. Und kneten Sie gemeinsam jede Antwort gut auf ihren Sinngehalt durch. Und entscheiden Sie am Schluss, welche der Antworten Sie am besten trägt. Sie werden es merken: Denken hilft!

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