Leben ohne Frühwarnsystem

Juni 15th, 2011

Einmal im Jahr zur Vorsorge. Nachsorge. Ist ja sowieso dasselbe. Also bei uns jedenfalls.

Früher sind wir zur Ärztin oder zum Arzt gegangen, wenn wir etwas hatten. Halsschmerzen oder Husten. Oder Bauchschmerzen oder eben einen Knoten, den man fühlen konnte. Dann sind wir untersucht und behandelt worden und waren bei Halsschmerzen, Husten und Bauchschmerzen kurze Zeit später wieder gesund. Nur der Knoten, der dauerte länger. Das, was gar nicht weh tat, das war unheimlich und bedrohlich. Normalerweise kommt man ins Krankenhaus, wenn man sich ein Bein gebrochen hat. Erst der Unfall, dann das Krankenhaus als Rettung. So ist die normale Reihenfolge. Bei Krebs ist es irgendwie umgekehrt: Erst tut einem gar nichts weh und man fühlt sich gesund, dann kommt man ins Krankenhaus und nach der OP tut es weh. Dann erst fühlt man sich krank. Und wie! So ist das, wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden muss.

Dann erst engmaschige Nachsorge, später dann jährlich. Das ist dann wie Vorsorge. Wenn Vertrauen weg ist, kommt die Vorsorge. Wenn man schon einmal an Krebs erkrankt war, ist das Vertrauen weg. Man geht nicht erst zum Arzt, wenn man merkt, dass man was hat. Dann ist es vielleicht schon viel zu spät. Man geht lieber – wenn auch nicht gerne – schon mal zwischendurch. Dann weiß man wenigstens, dass da jetzt nicht wieder was ist.

Das Komische ist: man muss nachgucken lassen. Mit Apparaten und Bild gebenden Verfahren. Selber kann man nicht sagen, ob da wieder was ist. Ich selbst kann nicht mehr sagen, ob die Lebensbedrohung wieder da ist oder nicht. Mein Körper ist mir in diesem Punkt sehr unbekannt geworden. Er ist schon einmal unterwandert worden und hat es nicht gemerkt. Er hat keine Alarmmeldung losgeschickt. In dem Punkt ist auf ihn kein Verlass. Man darf ihm da nicht vertrauen.

Also mache ich es wie nach einer Katastrophe: ich baue eine Art Frühwarnsystem ein, nämlich die Nach-Vor-Sorge.
Ich kann diesen in diesem Punkt etwas beschränkten Körper nicht austauschen. Ich kann ihn auch nicht abschaffen. Ohne ihn habe ich keinen Raum, in dem ich leben kann. Also muss ich da auf ihn aufpassen, wo er es nicht kann. Denn wenn er stirbt, muss ich dummerweise mit. Dazu habe ich gar keine Lust.

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