Haarverlust – wie wird die Angst davor kleiner?

März 14th, 2014

Fast alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, fürchten sich vor einer Chemo am meisten davor, die Haare zu verlieren. Warum? Haarverlust ist keine Übelkeit. Haarverlust macht keine Schmerzen. Es könnte eigentlich egal sein.

Ich erinnere mich noch genau, wie oft ich vor dem Spiegel stand und mir vorstellte, wie ich wohl ohne Haare aussehen würde. Mit Handtüchern und Bändern habe ich sie mir aus dem Gesicht gehalten. Immer wenn ich nicht schlafen konnte, fand ich mich wieder und wieder vor dem Spiegel und habe mir mich ohne Haare vorzustellen versucht. Ich empfand es selbst als große Niederlage, mich vor dem Haarverlust zu fürchten. Es war so irrational: ich hatte gerade den Krebs überlebt, da fürchte ich mich vor Haarverlust? Was waren das denn für Maßstäbe?

Ich fing an, die Angst zu rationalisieren. Ok, ich war eitel. Ok, für Frauen sind die Haare wichtiger als für Männer. Und ok – erst durch den Haarverlust wird der Krebs sichtbar – für alle sichtbar. Und dann kann man ihm mental nicht mehr entrinnen, denn man wird immer wieder darauf gestoßen. Durch Spiegel, durch andere, durch Perückengefühl. Eben etwas Fremdes auf dem Kopf. Der Kopf ist schließlich etwas anderes als ein Zeh. Ein Zeh ist weit weg vom Wesentlichen. Aber der Kopf? Der ist das Wesentliche.

Das Rationalisieren machte Spaß. Die Angst wurde davon aber nicht kleiner.

Ich brauchte eine andere Strategie.

Damals ersann ich eine Lösung, die ich heute überall im Leben anwende: Ich beschloss, etwas zu erfinden, wie mir das, was bevorstand, Spaß machen konnte. Wenn ich meine Frisur so sehr vermissen würde, müsste also dafür etwas her, was den Verlust wettmacht und noch etwas oben drauf setzt (im wahrsten Sinne des Wortes). Es musste etwas sein, das nicht nur kaschiert, sondern noch toller ist als eine Frisur.   Und so habe ich Perücken erfunden. Perücken unglaublicher Machart. Wolle, Luftschlangen, Plastikschnüre, Geschenkbänder – nichts war vor mir sicher. Alles wurde zu Kopfbedeckungen und Ersatzhaaren und -Frisuren verarbeitet. Die Phantasie tobte aus mir heraus und machte die Zukunft unbegrenzt.

Das war das Prinzip: der Bedrohung mit Kreativität begegnen. Sich nicht von der Zukunft beschränken lassen, sondern selbst die Zukunft überraschen. Auch wenn es (nur) eine Phantasie von Allmacht war, sie war zum Verlieben…

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Ungerechtigkeit

Dezember 12th, 2012

Plötzlich kommt wieder so eine Nachricht: A hat Krebs. Oder: B hat Krebs. Nach der ersten Fassungslosigkeit stellt sich eine Trauer ein oder eine Angst. Und manchmal auch Wut und ein Gemisch von allem. In der Wut schwingt ab und zu so etwas mit wie: warum denn ausgerechnet meine liebste Freundin? Warum denn diese starke Frau? Wo es doch so viele Doofe gibt, die nicht mal Schnupfen haben. Wie ungerecht. Und wenn es dann noch Eltern trifft, die ihre Kinder erkranken sehen oder kleine Kinder, die ihre Eltern erkranken sehen, dann ist die Ungerechtigkeit noch größer. Womit haben sie das verdient?

Natürlich haben sie das gar nicht verdient. Krebs und der Körper, den er befällt, gehören zur Natur. (Natur im Sinne von Physik, Biologie, bio-chemischen Prozessen.) Diese Natur kennt keine Gerechtigkeit. Sie kennt nur das Recht des Stärkeren. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Sie entstammt nicht dem Reich der Natur, sondern dem Reich der Ideen. Wir Menschen sind in der Lage, Gerechtigkeit als Idee zu erfinden und sie praktisch werden zu lassen. Natur kann das nicht.

Und das ist manchmal der einzige Trost in den schwarzen Tagen, dass wir selbst nicht ausschließlich diese Krankheit sind, sondern auch etwas anderes. Dass wir zu einer Gattung gehören, die solch wunderbare Ideen entwerfen kann. So bitter sich Mensch-Sein in der Krankheit anfühlen kann, so großartig ist es auch.

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Routine. Mammographie – Sonographie: Unklarer Befund…

März 27th, 2012

Unklarer Befund.

Und sofort ist es wieder da.

Das Gefühl, wie es ist, von Minute zu Minute zu leben. Zukunft bedeutet Angst. Von Minute zu Minute leben. Von jetzt zu jetzt. Kein Gleich. Kein Später. Kein Morgen. Zukunft bedeutet Angst. So vertraut: von Minute zu Minute. So geborgen. Von Minute zu Minute.

Alle Sonne von jetzt ist für mich. Das Vogelgezwitscher von jetzt ist für mich. Der einzige Sinn: mir das Leben schön zu machen. Das Leben, das jetzt wieder nur bis zum Tellerrand geht. Außerhalb des Tellerrands zwitschern Vögel, um andere aus ihrem Nistrevier zu vertreiben. Da geht es um Brut, um Aufzucht nachfolgender Vogelgenerationen. Alles Zukunft. Geht mich nichts an.

Auf der Autobahnauffahrt vorbeifahren an ungepflegten Böschungen. Müll. Zerfetzte Plastiktüten in Büschen. Was soll’s. Dann sterben wir eben. Die Welt war wenigstens nicht immer schön. Kahle Sträucher und blattlose Gebüsche. Wie öde. Wie trist. Warum hängt man eigentlich am Leben? An dieser Welt?

Und dann muss man den liebsten Lieben so viel Leid bescheren. Das ist das eigentlich Unerträgliche. Das Leid der Liebsten. Unerträglich.

Wieder zurück: Tellerrand. Von Minute zu Minute. Es erträglicher machen. Die unfreiwillige Fastenzeit. Fasten müssen am Leben.

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Medizinische Hilfsmittel oder Modeartikel?

Februar 13th, 2012

Brustkrebspatientinnen haben manchmal das Pech, ein Lymphödem in der Hand oder im Arm  zu entwickeln. Dann gibt es außer Lymphdrainagen auch Kompressionshandschuhe und -ärmel, die immer getragen werden müssen. Lymphödeme sind meistens nur palliativ, nicht kurativ zu behandeln. Das heißt für die betroffenen Frauen, dass sie ihr Leben lang die Kompressionskleidungsstücke tragen müssen.

Nun wäre das ja sehr schön, wenn diese Kleidungsstücke Farben hätten, die sich nicht nur der Haut, sondern auch der übrigen Kleidung anpassten. Darüber habe ich gerade mit einer Herstellerfirma gesprochen. Leider war die Antwort: Das seien medizinische Hilfsmittel und keine Modeartikel.

Aha. Das war die Meinung der Firma. Meine Meinung ist das nicht. Schließlich gibt es auch Brillen, Hörgeräte, Rollstühle und Gehstützen in allen möglichen Farben, die das Leben bunt und schön machen. Und da ein solcher Handschuh oder Ärmel tagaus, tagein, von morgens bis abends und das Jahrzehnte lang, getragen werden muss, ist das auch ein Modeartikel.

Das Hautfarbene an medizinischen Hilfsmitteln soll den Makel vertuschen. So tun, als wäre nichts. Aber mal ehrlich: ein Lymphödem fällt doch jedem immer sofort auf. Man muss sich nur einmal die Hand geben oder eine Geste außerhalb der Jackentasche oder oberhalb des Tisches machen. Ich bin sogar einmal bei einem Museumsbesuch von einer Aufsichtsperson gefragt worden, welche Verletzung ich denn da hätte. Haufarbe vertuscht nichts, Hautfarbe evoziert Mitleid.

Da bevorzuge ich Schmückendes. Spitze drüber, Armbänder drauf, riesige Ringe, nicht zu eng natürlich. Und siehe da: einmal bin ich – im schwarzen Handschuh – schon gefragt worden, ob das eine Modeidee sei.

Was für Brillen, Hörgeräte, Rollstühle, Kinderpflaster, Gehstützen, Kompressionsstrümpfe gilt, gilt auch für Handschuhe und Ärmel: wenn sie mit Farben unsere Laune heben, dann müssen sie Farbe haben. Denn dauerhafte Gebrechen gehören zum Alltag. Warum soll es nicht möglich sein, ein Gebrechen an der Hand oder am Arm zu dekorieren? Sind wir nicht dann gerade so richtig gesund, wenn wir mit der Krankheit leben? Und Leben heißt: in allen Farben. Bitte!

(Ich habe übrigens ein Sanitätshaus, das mich versteht und Hersteller mit vielen verschiedenen Farben ausgräbt. An dieser Stelle nun auch einmal ganz herzlich DANKE!)

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Leben ohne Frühwarnsystem

Juni 15th, 2011

Einmal im Jahr zur Vorsorge. Nachsorge. Ist ja sowieso dasselbe. Also bei uns jedenfalls.

Früher sind wir zur Ärztin oder zum Arzt gegangen, wenn wir etwas hatten. Halsschmerzen oder Husten. Oder Bauchschmerzen oder eben einen Knoten, den man fühlen konnte. Dann sind wir untersucht und behandelt worden und waren bei Halsschmerzen, Husten und Bauchschmerzen kurze Zeit später wieder gesund. Nur der Knoten, der dauerte länger. Das, was gar nicht weh tat, das war unheimlich und bedrohlich. Normalerweise kommt man ins Krankenhaus, wenn man sich ein Bein gebrochen hat. Erst der Unfall, dann das Krankenhaus als Rettung. So ist die normale Reihenfolge. Bei Krebs ist es irgendwie umgekehrt: Erst tut einem gar nichts weh und man fühlt sich gesund, dann kommt man ins Krankenhaus und nach der OP tut es weh. Dann erst fühlt man sich krank. Und wie! So ist das, wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden muss.

Dann erst engmaschige Nachsorge, später dann jährlich. Das ist dann wie Vorsorge. Wenn Vertrauen weg ist, kommt die Vorsorge. Wenn man schon einmal an Krebs erkrankt war, ist das Vertrauen weg. Man geht nicht erst zum Arzt, wenn man merkt, dass man was hat. Dann ist es vielleicht schon viel zu spät. Man geht lieber – wenn auch nicht gerne – schon mal zwischendurch. Dann weiß man wenigstens, dass da jetzt nicht wieder was ist.

Das Komische ist: man muss nachgucken lassen. Mit Apparaten und Bild gebenden Verfahren. Selber kann man nicht sagen, ob da wieder was ist. Ich selbst kann nicht mehr sagen, ob die Lebensbedrohung wieder da ist oder nicht. Mein Körper ist mir in diesem Punkt sehr unbekannt geworden. Er ist schon einmal unterwandert worden und hat es nicht gemerkt. Er hat keine Alarmmeldung losgeschickt. In dem Punkt ist auf ihn kein Verlass. Man darf ihm da nicht vertrauen.

Also mache ich es wie nach einer Katastrophe: ich baue eine Art Frühwarnsystem ein, nämlich die Nach-Vor-Sorge.
Ich kann diesen in diesem Punkt etwas beschränkten Körper nicht austauschen. Ich kann ihn auch nicht abschaffen. Ohne ihn habe ich keinen Raum, in dem ich leben kann. Also muss ich da auf ihn aufpassen, wo er es nicht kann. Denn wenn er stirbt, muss ich dummerweise mit. Dazu habe ich gar keine Lust.

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Philosophieren mit Bildern (6): Nebel

Juni 1st, 2011
Landschaft im Nebel

Landschaft im Nebel

Morgens beim Walken, es war gar nicht mehr so früh, vielleicht schon halb acht. Der Nebel war dicht. Alles sah verschwommen aus. Außer mir war niemand unterwegs. Alles war nur für mich da. Meine geliebte Strecke – ich kenne sie wie meine Westentasche – zeigte sich von einer seltenen und überraschenden Seite: ziemlich verschleiert. Ich finde diese Wege immer schön, doch heute Morgen schienen sie mir besonders anmutig und geheimnisvoll.

Wie wäre es mir eigentlich vorgekommen,wenn ich diese Landschaft nicht so gut kennen würde? Wenn ich nicht wüßte, was alles im Nebel verborgen bleibt? Wenn ich nicht wüßte, wie der Weg weitergeht? Wenn ich immer  nur 20 Meter weit sehen könnte, was da kommt?

Ich müßte mich auf Vieles in meiner Nähe konzentrieren, weil weit Entferntes nicht in meinen Blick geraten kann. Vielleicht würde ich langsamer gehen, weil mich nichts aus der Ferne zieht. Ich würde länger bei den Dingen verweilen, sie länger betrachten. Dann würde mir das Weniger-Sehen-Können Zeit schenken. Und intensivere Erlebnisse beim Da-Sein.

Vielleicht würde ich aber auch schneller gehen wollen, damit ich auch das sehen kann, was sich im Nebel verbirgt. Trotz geringeren Überblicks könnte ich loslaufen und mich überraschen lassen von Begegnungen. Dabei hätte ich das Gefühl, immer wieder Neuland zu betreten. Ohne lange anvisiert worden zu sein, könnten Begegnungen und Erlebnisse auf mich zukommen. Auch das würde sich sehr lebendig anfühlen.

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Philosophieren mit Bildern (5) Ein Baum nach der Chemo

April 20th, 2011

Unter einem schönen Baum stellt man sich prototypisch wohl immer einen mit voller Krone vor. Groß gewachsen, kräftiger Stamm, grün im Laub. Etwa so wie eine Kastanie. Ein Baum wächst über Jahrzehnte, manche über Jahrhunderte, wenn man sie lässt. Er verändert sich durch alle Jahreszeiten. So schön er im Frühling blühen kann, so intensiv kann er im Winter “tot sein” spielen.

Manchmal ist ein Baum auch wirklich tot. Oder so stark zurechtgestutzt, dass man ihn nicht wiedererkennt.

bis 11.Feb. 2011 Kaiserswerth 012

Keine Zweige, keine Blätter. Ein bizarres Gerippe. Die verbliebenen Äste sind um seinen Stamm verteilt und lassen seine vormalige Größe ahnen. Wahrscheinlich sähen alle anderen Bäume seiner Umgebung ohne Äste und Laub auch so aus. Aber er ist der einzige, der sich so zeigt. Ein sehr individueller Blickfang. Bizarr und spannend. Ungewöhnlich und apart. Vielleicht etwas erschreckend oder traurig. Aber faszinierend, weil er etwas zeigt, was man normalerweise an einem Baum nicht sieht.

Etwas Intimes. Sonst durch Laub verhüllt. Etwas Wesentliches, unverstellt. Etwas, das am längsten von ihm bleibt.

Ein Baum nach der Chemo. Was zeigt er, wenn der Kopfputz fehlt? Ein so spannendes Formenspiel, dass man den Blick gar nicht abwenden möchte.

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Fragen am Ende des Lebens

Oktober 22nd, 2010

In meinen gestrigen Vortrag “Fragen am Ende des Lebens” für das Hospiz in Lüneburg habe ich über einen Konflikt gesprochen, der Menschen bei einer Krebsdiagnose heimsuchen kann. Mitten in den Schock, den die Erkrankung oft bedeutet, mischt sich manchmal Verzweiflung. Ein philosophisches Gespräch hat gute Möglichkeiten, aus der Verzweiflung herauszuhelfen. Denn hinter ihr verbirgt sich eine Vorstellung von gerechter, fairer Behandlung. Etwa so: Ich möchte eigentlich vom Leben genauso wichtig genommen werden, wie ich auch mein Leben wichtig nehme. Das wäre gerecht, ausgewogen, ausbalanciert. Oder: Ich habe mein Leben geschenkt bekommen und möchte es auch behalten. Als Kind haben wir das oft gesagt: Geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestolen. Da ist dann das Gefühl: Es ist unfair, was diese Krankheit mir antut. Manche Menschen forschen auch nach einem Grund oder einer Ursache, warum ihnen diese Krankheit beschert wird. Etwa: Was habe ich verbrochen, wofür das jetzt die Quittung ist. Auch das ist eine Vorstellung von Gerechtigkeit im Sinne von Ausgleich. Etwas Gutes wird mit Gutem vergolten und etwas Böses mit Bösem. Es wird eine Balance, eine Ausgewogenheit wieder hergestellt. Man kann in einem philosophischen Gespräch nach vielen Seiten abwägen, was an einer solchen Haltung sinnvoll ist und was daran nicht sinnvoll ist. Man kann über die Gründe reden, warum jemand das denkt, was er denkt. Man kann z. B. fragen,warum Böses mit Bösem vergolten werden soll. Und man kann schließlich überlegen, welche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness man verwirklichen würde, wenn man die Welt selbst erfinden würde.

Am Ende sagte einer der Zuhörer, dass es Gerechtigkeit doch gar nicht gäbe. Ob es Menschen bei Erdbeben oder Flutkatastrophen träfe, es sei niemals gerecht. Das stimmt, wenn es die nicht-menschliche Natur betrifft. Die handelt nicht nach Prinipien der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Ohne Menschen gäbe es sie nicht. (Was nicht automatisch heißt, dass es sie mit Menschen denn gibt.) Ohne Menschen gäbe es aber nicht einmal die Idee von Gerechtigkeit. Und nur weil wir diese Idee haben, regen wir uns überhaupt darüber auf, wenn es ungerecht zugeht. Auch wenn wir in unserem Handeln die Prinzipien von Gerechtigkeit nicht walten lassen, spüren wir dennoch ziemlich schnell, wann wir dagegen verstoßen. Ganz im Unterschied zu Krebs, Erdbeben und Überschwemmungen. Die kommen einfach und haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

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Melancholie – eine weise Traurigkeit

August 25th, 2010

Ist es schlimm, traurig zu sein?

Menschen mit einer Krebsdiagnose haben sicher allen Grund, traurig zu sein. Das Leben wäre so schön ohne Krankheiten, Chemos und Nebenwirkungen. Ohne Katastrophen leben zu können – das wäre das Paradies. Genau.

Wenn man im Paradies lebt, ist man aber schon tot. (Oder man begeht wie Adam und Eva ein Bagatelldelikt wie Mundraub und wird fristlos entlassen.)

Es gibt auch auf Erden den Versuch, paradiesische Zustände zu leben. Man muss von morgens bis abends zähnefletschend strahlen und schlechte Laune oder Trauer einfach wegdefinieren. In seinem Buch „Unglücklich glücklich“ nennt Eric G. Wilson das einen kulturellen Zwang zur „american happiness“. Sie wird gleichgesetzt mit Depression, mit Willensschwäche,  oder wird ausgelöst durch das Fehlen von Tabletten. American happiness bedeutet, dass ich Glück und Trauer strikt voneinander trennen muss und nur dem Glück nachstreben darf.

Wilson aber plädiert für eine bestimmte Traurigkeit, die wir Europäer „Melancholie“ nennen. Melancholie ist eine philosophische Traurigkeit. Sie entspringt aus der Haltung heraus, dass Glück und Trauer, Höhen und Tiefen, zum Leben gehören und sich abwechseln. Der Ursprung des melancholischen Zustands liegt nicht in den eigenen Kindheitstraumata, sondern darin, dass ich erkenne, dass das Leben spielt – auch mit mir spielt und dabei manchmal mächtiger ist als ich. Es kann mir Dinge zufügen, die ich nicht will, die ich aber nicht abwehren kann.

Aber in dem Moment, in dem ich begreife, dass es ohne Tiefen gar kein Leben gibt, kann mich diese Melancholie ergreifen. Ab da habe ich im Unglück immer auch die tiefe, ruhige Gewissheit in mir, dass ich gerade eng mit der Wirklichkeit des Lebens verbunden bin. Ab da ahne ich in jedem Glück, dass es ein wunderbares Geschenk ist, das auch einmal vorbei sein wird. In dem Moment, in dem ich begreife, dass es gar nicht in meiner Macht steht, viele dieser Tiefen zu vermeiden, dass sie mich schicksalhaft treffen –  in dem Moment kenne ich diese Traurigkeit. Sie wird mich nie wieder verlassen, weil sie auf der Erkenntnis des Lebens beruht. Und hinter eine Erkenntnis kann man niemals wieder zurück. Wenn wir über die Unvollkommenheit der Welt trauern können, dann bringt uns diese Traurigkeit sehr viel. Sie bringt uns „in Einklang mit der Wirklichkeit“ (S. 45). Das ist ein wirklich philosophisches Lebensgefühl.

Wilson, Unglücklich glücklich

Eric G. Wilson: Unglücklich glücklich. Von europäischer Melancholie und American Happiness. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Held. Stuttgart (Klett-Cotta) 2009

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