Falsche These: Sozialverhalten verursache angeblich Krebs

März 17th, 2011

Hier die falsche These, die ich im Internet gefunden habe:

„Die weibliche Brust repräsentiert (…) die Erfüllung im Geben von Zuwendung und in logischer (sic!, A. H.) Konsequenz auch den Anspruch auf Zuwendung von Anderen aus dem sozialen Umfeld.
Störungen zeigen, dass man sich im Verlangen nach Erfüllung von Fürsorge und Zuwendung verausgabt hat. Wie man sich verausgabt hat, zeigen die Krankheitsformen.“ (
http://www.simplepower.de/der-soziale-koerper/der-soziale-koerper-von-a-bis-z.php#brustkrebs)

Wenn die weibliche Brust etwas „repräsentiert“, dann fungiert sie als Symbol. Symbole erkennen und verstehen ist ein interpretatorischer Akt, zu dem man Denkvermögen und Erfahrung in der entsprechenden Kultur braucht. Symbole sind für Menschen wichtig, weil sie vieles über die Werte aussagen, die in ihrer Kultur anerkannt werden. Das Symbol selbst, also hier die Brust, hat kein Denkvermögen und weiß nicht, welche Zuschreibung wir mit ihr vornehmen. Also kann sie auch nicht bei einer Verausgabung im „Verlangen nach Fürsorge und Erfüllung“ wissen, dass sie damit gemeint ist und also kann sie auch nicht daraufhin Krebs entwickeln.

Der letzte Satz, den ich oben zitiert habe, ist unklar. Ob mit „wie man sich verausgabt hat“ die Intensität der Verausgabung oder die Art und Weise oder die temporale Dauer gemeint ist, wird nicht geklärt. Für einen Nachweis psychosomatisher Auswirkungen wäre aber genau das wichtig. Sonst klingt “Wie man sich verausgabt hat, zeigen die Krankheitsformen” wie eine hämische Bemerkung im Stil von “das hast Du jetzt davon”. Wegen fehlender Nachweise haben wir es hier also nicht mit etwas Wahrem zu tun, sondern mit einem Behaupten von angeblich Wahrem. Der Autor belegt nicht das, was er behauptet, sondern sagt einfach, es sei wahr.  Im weiteren Text nenne ich ihn “Wahrsager”.

Für Menschen, die von Krebs betroffen sind, sind solche Texte vor allem dann sehr ärgerlich, wenn jemand so ausgeprägt undeutlich bleibt. Im Folgenden will ich einige Argumente nennen, warum solche Texte darüberhinaus auch schädlich sind.

  • Nicht nachvollziehbare Ursachen: Warum sich Sozialverhalten, ob gut oder schlecht, gezielt in einzelnen Organen krankhaft auswirkt, ist nicht näher belegt. Es wird auch auf keine Untersuchung verwiesen. Stattdessen wird in ganz schlimmen Fällen wie hier eine symbolische Zuschreibung  und ein empirischer Fakt als zusammengehörig behauptet. Wenn man das glaubt, kann man auch glauben, dass Herzinfarkte durch Liebeskummer ausgelöst werden.
  • Unterschlagung von Untersuchungen, die die “Krebs-durch-emotionale-Verausgabungs-These” widerlegen. In diesem Link sind Ergebnisse von Unterschungen zusammengefasst, die bisher vorliegen, und die KEINE Krebspersönlichkeit nachweisen können. Das heißt: nach bisherigen Erkenntnissen ist es kein Charakterfehler, an Krebs zu erkranken. Ein Zusammenhang zwischen dem Mutieren von Zellen und menschlichem Verhalten konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
  • Schuldgefühle für die Betroffene: Wenn eine Frau jetzt glaubt, dass sie Krebs bekommen hat, weil sie sich in ihrem sozialen Umfeld emotional verausgabt hat (das eben legt die falsche These nahe), dann kann sie sich doppelt bestraft fühlen: sie hat ein schlechtes Umfeld, deswegen ist sie vermutlich schon unglücklich. Jetzt hat sie auch noch Krebs als existentielle Bedrohung. Für Menschen, die für Schuldgefühle anfällig sind, ist dieser Ansatz sehr nachteilig. Ihre Schuldgefühle potenzieren sich dadurch. Sie geben sich die Schuld an den unglücklichen Beziehungen, sie geben sich auch die Schuld daran, dass Krebs sie befallen hat. In dem Fall nehmen sie eine Doppelrolle als Täter-Opfer ein. Sie lassen sich in ihrem sozialen Umfeld ausbeuten, sie sind dadurch Selbstzerstörer und das Opfer, das aus eigenem Handeln resultiert. Es wäre viel überschaubarer zu sagen: Die emotionale Ausbeutung und die Krebserkrankung treten gleichzeitig auf, haben nichts miteinander zu tun. Auf welchen dieser Terrains kann ich handeln? Angesichts dieser Situation wissen die meisten Menschen ziemlich genau, was ihnen im Leben wichtig ist: Es ist mein einziges Leben und darin soll es mir gut gehen. Also bereinige oder beende ich diese Beziehungen. Das ist das Terrain, in dem ich etwas tun und bewirken kann, in dem ich Entscheidungen fällen kann. Gegen den Krebs kann hoffentlich die Medizin helfen. Wenn Anhänger dieser “Krebs-durch-emotionale-Verausgabungs-These” ihre Beziehungen geändert haben und dann ein Rezidiv bekommen, dann könnten sie schlimmsten Falls den Wiederausbruch der Krankheit als Rückschlag ihrer sozialen Bemühungen ansehen und rückwirkend den Glauben an diese verlieren.
  • Auswirkungen auf das soziale Umfeld: Ein Mensch. der seine Beziehungen überwiegend deswegen ins Reine bringt, damit er keinen Krebs bekommt, kalkuliert mit den Beziehungen zugunsten seiner eigenen Gesundheit. Nicht den sozialen Beziehungen räumt er die erste Priorität ein, z. B. weil er erfüllte soziale Nähe will, sondern die Gesundheit hat die erste Priorität. Wer so denkt, verändert etwas in den Beziehungen, um eine gute Gesundheit zu erreichen. Ein solcher Mensch ist gar nicht so sozial, sondern eher egozentrisch. (Scherz – Frage an den Wahrsager: Welchen Krebs kriegt man denn davon?)
  • Folgen für die Autonomie: Eine Krebserkrankung ist eine erschütternde Erfahrung. Man rückt in die Nähe des Todes. Alles strukturiert sich um. Man erfährt plötzlich, wie sehr man am eigenen Leben hängt. Das ist ein intensives Gefühl von Abhängigkeit, dabei will man gerne gerade jetzt autonom sein, sich nicht von anderen gängeln und bestimmen lassen. Was löst aber diese falsche These aus? Sie  definiert, warum man gerade diesen Krebs bekommen habe. Sie gängelt den eigenen Blick, ohne eine nachvollziehbare Grundlage. Sie nimmt einem gerade hier die Autonomie. Sie begleitet die betroffene Person nicht in ihrer eigenen Suche danach, was jemand ändern will, ob jemand überhaupt etwas ändern will. Sie gibt schon vor, wo die Ursache der Erkrankung liegt und wo demnach etwas geändert werden muss, wenn Gesundheit erlangt werden will.
  • Folgen für die Beziehung zum Wahrsager: Wenn jemand abstreitet, dass diese Ursache für die eigene Erkrankung stimmt, kann der Wahrsager sofort entgegnen, man wolle ja nicht hinsehen. Das ist eine weit verbreitete Immunisierungsstrategie (nicht nur bei Wahrsagern): du behauptest, ich hätte Unrecht? Klar, weil Du es nicht hören willst. So springt der Wahrsager einfach aus der inhaltlichen Argumentationsebene heraus und geht in eine strategisch-taktische über: er greift den Ablehnenden an, indem er ihm Illoyalität oder eine charakterliche oder psychische Schwäche unterstellt und ihn so unglaubwürdig macht. Das Prinzip des Wahrsagers heißt: die kranke Person war schon vorher unbelehrbar, sonst hätte sie ja keinen Krebs bekommen. Und jetzt bleibt sie unbelehrbar, obwohl der Wahrsager nur helfen will. So baut der Wahrsager eine hierarchische Beziehung auf. Er ist oben und hat Recht. Die kranke Person ist unten, ist also (wieder) das Opfer und hat Unrecht. Das ist ein sozial krankes Verhältnis. (Exkurs: Der Wahrsager würde sagen, von solchen Beziehungen bekomme man Krebs, weil die Fürsorge nicht ausgewogen ist. Demnach wäre der Wahrsager in seiner eigenen Theorie die Krebsursache.)
  • Kulturpolitische Folgen: Die “Krebs-durch soziale-Verausgabungsthese” animiert Krebsbetroffene, in ihrem eigenen Verhalten nach den Ursachen der Erkrankung zu suchen. Der Blick geht weg von Ursachen in der Umweltzerstörung, in der Luftverschmutzung, in der Nahrungsmittelproduktion, in der atomaren Verseuchung. Ein solcher Blick verhindert politische Anklage, er verhindert andere Dimensionen der Analyse von Täterschaften. Wenn ich mich selbst als Täter und Opfer zugleich fühle, bin ich so mit mir und meiner Psyche beschäftigt, dass ich nicht auf andere mögliche Täter oder Umstände gucke. Damit geht Betroffenen eine wichtige Dimension des autonomen Lebens verloren, nämlich die Dimension als mündige Bürger, die sich als eine öffentliche politische Kraft in einer Gesellschaft verhalten.

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