Ungerechtigkeit

Dezember 12th, 2012

Plötzlich kommt wieder so eine Nachricht: A hat Krebs. Oder: B hat Krebs. Nach der ersten Fassungslosigkeit stellt sich eine Trauer ein oder eine Angst. Und manchmal auch Wut und ein Gemisch von allem. In der Wut schwingt ab und zu so etwas mit wie: warum denn ausgerechnet meine liebste Freundin? Warum denn diese starke Frau? Wo es doch so viele Doofe gibt, die nicht mal Schnupfen haben. Wie ungerecht. Und wenn es dann noch Eltern trifft, die ihre Kinder erkranken sehen oder kleine Kinder, die ihre Eltern erkranken sehen, dann ist die Ungerechtigkeit noch größer. Womit haben sie das verdient?

Natürlich haben sie das gar nicht verdient. Krebs und der Körper, den er befällt, gehören zur Natur. (Natur im Sinne von Physik, Biologie, bio-chemischen Prozessen.) Diese Natur kennt keine Gerechtigkeit. Sie kennt nur das Recht des Stärkeren. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Sie entstammt nicht dem Reich der Natur, sondern dem Reich der Ideen. Wir Menschen sind in der Lage, Gerechtigkeit als Idee zu erfinden und sie praktisch werden zu lassen. Natur kann das nicht.

Und das ist manchmal der einzige Trost in den schwarzen Tagen, dass wir selbst nicht ausschließlich diese Krankheit sind, sondern auch etwas anderes. Dass wir zu einer Gattung gehören, die solch wunderbare Ideen entwerfen kann. So bitter sich Mensch-Sein in der Krankheit anfühlen kann, so großartig ist es auch.

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Leben ohne Frühwarnsystem

Juni 15th, 2011

Einmal im Jahr zur Vorsorge. Nachsorge. Ist ja sowieso dasselbe. Also bei uns jedenfalls.

Früher sind wir zur Ärztin oder zum Arzt gegangen, wenn wir etwas hatten. Halsschmerzen oder Husten. Oder Bauchschmerzen oder eben einen Knoten, den man fühlen konnte. Dann sind wir untersucht und behandelt worden und waren bei Halsschmerzen, Husten und Bauchschmerzen kurze Zeit später wieder gesund. Nur der Knoten, der dauerte länger. Das, was gar nicht weh tat, das war unheimlich und bedrohlich. Normalerweise kommt man ins Krankenhaus, wenn man sich ein Bein gebrochen hat. Erst der Unfall, dann das Krankenhaus als Rettung. So ist die normale Reihenfolge. Bei Krebs ist es irgendwie umgekehrt: Erst tut einem gar nichts weh und man fühlt sich gesund, dann kommt man ins Krankenhaus und nach der OP tut es weh. Dann erst fühlt man sich krank. Und wie! So ist das, wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden muss.

Dann erst engmaschige Nachsorge, später dann jährlich. Das ist dann wie Vorsorge. Wenn Vertrauen weg ist, kommt die Vorsorge. Wenn man schon einmal an Krebs erkrankt war, ist das Vertrauen weg. Man geht nicht erst zum Arzt, wenn man merkt, dass man was hat. Dann ist es vielleicht schon viel zu spät. Man geht lieber – wenn auch nicht gerne – schon mal zwischendurch. Dann weiß man wenigstens, dass da jetzt nicht wieder was ist.

Das Komische ist: man muss nachgucken lassen. Mit Apparaten und Bild gebenden Verfahren. Selber kann man nicht sagen, ob da wieder was ist. Ich selbst kann nicht mehr sagen, ob die Lebensbedrohung wieder da ist oder nicht. Mein Körper ist mir in diesem Punkt sehr unbekannt geworden. Er ist schon einmal unterwandert worden und hat es nicht gemerkt. Er hat keine Alarmmeldung losgeschickt. In dem Punkt ist auf ihn kein Verlass. Man darf ihm da nicht vertrauen.

Also mache ich es wie nach einer Katastrophe: ich baue eine Art Frühwarnsystem ein, nämlich die Nach-Vor-Sorge.
Ich kann diesen in diesem Punkt etwas beschränkten Körper nicht austauschen. Ich kann ihn auch nicht abschaffen. Ohne ihn habe ich keinen Raum, in dem ich leben kann. Also muss ich da auf ihn aufpassen, wo er es nicht kann. Denn wenn er stirbt, muss ich dummerweise mit. Dazu habe ich gar keine Lust.

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Die Sache mit dem Tod

Oktober 23rd, 2010

Hier noch eine kleine Nachlese…In meinem Vortrag “Fragen am Ende des Lebens” hatte ich u. a. über die existentialistische Auffassung über Leben und Tod und über die Möglichkeiten gesprochen, wie Menschen, die noch bei Bewußtsein sind, durch Entscheidungen, die über den eigenen Tod hinausreichen, die eigene Zukunft gedanklich verlängern können. Real werden sie sie gar nicht erleben, aber sie können einen Teil des Lebens der anderen antizipieren: Wie wird das aussehen, nachdem sie selbst gestorben sind? Und sie können durch bestimmte Entscheidungen über den eigenen Tod hinaus in das Leben der anderen eingreifen, indem sie z. B. ein Erbe verteilen oder Gestaltungsideen für die eigene Trauerfeier entwerfen.

Nachdem ich den Vortrag beendet hatte, lud ich zur Diskussion und zum Austausch ein. Am Ende meldete sich noch ein Teilnehmer und kritisierte, dass es mir zu sehr um Zukunft und Überleben gegangen wäre. Ich hätte überhaupt nicht berücksichtigt, dass wir den Tod schon seit der Geburt in uns trügen und in unserem Leben täglich mit ihm konfrontiert seien. Aus Zeitgründen hatte ich keine Gelegenheit mehr, zu antworten. Das mache ich stattdessen jetzt hier.

Existentialisten würden wahrscheinlich sagen, ja, da ist was dran. Hannah Arendt dagegen würde wahrscheinlich sagen, wer das so sieht, hat etwas ganz Wesentliches nicht bemerkt: dass nämlich durch unsere “Geburtlichkeit” eine Kreativität in uns wohnt, die uns immer wieder etwas Neues schöpfen und denken lässt. Wer den Tod schon bei der Geburt so sehr betont, läuft Gefahr, die Geburt als solche mit dem, was sie alles ermöglicht, zu verkennen. Das zum einen.

Zum zweiten: Die übliche existentialistische Auffassung können wir im Leben als Erkenntnis mit uns herumtragen. Sie erinnert uns im besten Fall mahnend daran, dass wir das Leben wegen seiner Begrenzheit schätzen. Wir leben vielleicht auch in dem Gefühl oder dem Bewußtsein, dass unser Leben plötzlich morgen oder in kurzer Zeit beendet sein könnte. Aber hier ist der Konjunktiv entlarvend. Es könnte. Im Sterben kommt der Indikativ. Dann wissen wir, es wird beendet sein. In wenigen Tagen oder Wochen. Was wir im Leben als (theoretisches) Wissen in uns hatten, wird im Sterben ein reales Erlebnis. Und wenn wir unsere letzten Tage intensiv erleben und durchdenken können und wollen, bekommt diese Erkenntnis eine neue Qualität. Allein die Tatsache, dass der Tod nicht mehr in einer ungewissen oder fernen Zukunft liegt, sondern dass er durch den Sterbeprozess in die Gegenwart gerät, verändert tatsächlich etwas. Das mindeste ist, dass er uns die Lebenszeit zweidimensional macht. Es gibt eine Vergangenheit und eine  Gegenwart. Die sehr begrenzte Zukunft läßt sich nur durch Phantasie vorstellen und sehr begrenzt durch handelnden Einfluss gestalten. Das ist die letzte Autonomie, die uns bleibt. Die Auswirkungen erleben werden ausschließlich andere.

P.S.

Auf dem Bild war kein Sarggriff, sondern ein Türklopfer.

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