Einfach krank

Februar 5th, 2013

Sie jammern über Grippe? Kann man auch genießen. Ich jedenfalls.

Sie bahnte sich so langsam an. Morgens schon mit dem gewissen Gefühl, dass das ein anstrengender Tag wird. Es schien auch so verlässlich konsequent, dass nach der laufenden Nase sich jetzt ein Husten dazugesellt. Und am Abend dieses Tages Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Mir war kalt, obwohl ich mich heiß anfühlte. Einziger Wunsch: ins Bett und schlafen. In 24 Stunden wurde ich zwei Mal wach und dachte glücklich: weiterschlafen….

Es war sooo schön. Eine Krankheit, die nicht die Angst schickt und den Schlaf raubt. Eine Krankheit, die man ankommen spürt wie ein verlässliches Versprechen. Eine Krankheit, die so ehrlich an Ort und Stelle weh tut. Man spürt genau, was man tun muss, um sie wieder loszuwerden. Eine Krankheit, die sich so erstaunlich sorgenfrei anfühlt. Die nicht die ganze Zukunft in Frage stellt. Die kein Misstrauen streut, keine Panik macht, keine schlaflosen Nächte, keine angsterfüllten Mitmenschen. Hatte ich ganz vergessen, dass krank sein auch mal so einfach sein kann. Sehr schönes Erlebnis.

Schlagwörter:

Ungerechtigkeit

Dezember 12th, 2012

Plötzlich kommt wieder so eine Nachricht: A hat Krebs. Oder: B hat Krebs. Nach der ersten Fassungslosigkeit stellt sich eine Trauer ein oder eine Angst. Und manchmal auch Wut und ein Gemisch von allem. In der Wut schwingt ab und zu so etwas mit wie: warum denn ausgerechnet meine liebste Freundin? Warum denn diese starke Frau? Wo es doch so viele Doofe gibt, die nicht mal Schnupfen haben. Wie ungerecht. Und wenn es dann noch Eltern trifft, die ihre Kinder erkranken sehen oder kleine Kinder, die ihre Eltern erkranken sehen, dann ist die Ungerechtigkeit noch größer. Womit haben sie das verdient?

Natürlich haben sie das gar nicht verdient. Krebs und der Körper, den er befällt, gehören zur Natur. (Natur im Sinne von Physik, Biologie, bio-chemischen Prozessen.) Diese Natur kennt keine Gerechtigkeit. Sie kennt nur das Recht des Stärkeren. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Sie entstammt nicht dem Reich der Natur, sondern dem Reich der Ideen. Wir Menschen sind in der Lage, Gerechtigkeit als Idee zu erfinden und sie praktisch werden zu lassen. Natur kann das nicht.

Und das ist manchmal der einzige Trost in den schwarzen Tagen, dass wir selbst nicht ausschließlich diese Krankheit sind, sondern auch etwas anderes. Dass wir zu einer Gattung gehören, die solch wunderbare Ideen entwerfen kann. So bitter sich Mensch-Sein in der Krankheit anfühlen kann, so großartig ist es auch.

Schlagwörter:, , , , ,

Es muss nicht immer der Jakobsweg sein: dann mal weg auf dem Sigwardsweg

März 17th, 2012

Wandern oder Pilgern ist seit Hape Kerkeling hoch im Kurs. Haben Sie auch schon von Pilgern für Krebsbetroffene gehört? Dr. Freerk Baumann von der Sporthochschule in Köln wandert schon sehr lange mit seinen Patienten. Über die Alpen gings für Männer mit Prostata-Krebs. Mit Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren, reiste er nach Norwegen in den Schnee, wo sie alle Iglus bauten und darin übernachteten. Eine Gruppe von Frauen schickte er fast zwei Monate lang über den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela .

Neuerdings muss man nicht nur auf dem Jakobsweg pilgern. Die Krebsberatungsstelle in Oldenburg bietet im Mai eine Wanderung auf dem Sigwardsweg an. Siehe auch in diesem Blog unter Termine.

Aber was ist am Wandern eigentlich so schön? Klar: die Landschaft, die frische Luft und im Mai meistens das Wetter. Wandern kann aber noch mehr sein: Durch die Regelmäßigkeit der Schritte und des Tempos wird das Atmen gleichmäßig, ohne dass man sich darauf besonders konzentrieren muss. Wandern wird so etwas wie Meditation. Für Krebsbetroffene ist es besonders hilfreich: die gleichmäßige Bewegung stärkt den Körper. Sie nimmt die gedankliche und psychische Belastung.  Wandern und Pilgern geben das Vertrauen in den eigenen Körper und in die eigenen Kräfte zurück, was durch die Krankheit gründlich verunsichert wurde. Nicht zuletzt macht Wandern und Pilgern “rechtschaffen” müde und einen wunderbar erholsamen Schlaf. Wandern – mit allem, was man dabei spürt und erlebt, macht ein intensives Gefühl von Lebendig-Sein. Statt Angst wächst Dankbarkeit.

Übrigens ist das Besondere am Oldenburger Angebot, dass es eine Probewanderung für diejenigen gibt, die noch nicht wissen, ob sie sich die größere Tour zutrauen. Die Eintagesour zum Schnuppern führt von Oldenburg nach Hude (ca. 18. km). Falls man sich die 5-Tagestour nicht zutraut, kann man also erst einmal ausprobieren, wie man das denn so schafft…

Na, Lust gekriegt? Einfach die Links anklicken und in der Krebsberatungsstelle anrufen.

Schlagwörter:, , ,

Melancholie – eine weise Traurigkeit

August 25th, 2010

Ist es schlimm, traurig zu sein?

Menschen mit einer Krebsdiagnose haben sicher allen Grund, traurig zu sein. Das Leben wäre so schön ohne Krankheiten, Chemos und Nebenwirkungen. Ohne Katastrophen leben zu können – das wäre das Paradies. Genau.

Wenn man im Paradies lebt, ist man aber schon tot. (Oder man begeht wie Adam und Eva ein Bagatelldelikt wie Mundraub und wird fristlos entlassen.)

Es gibt auch auf Erden den Versuch, paradiesische Zustände zu leben. Man muss von morgens bis abends zähnefletschend strahlen und schlechte Laune oder Trauer einfach wegdefinieren. In seinem Buch „Unglücklich glücklich“ nennt Eric G. Wilson das einen kulturellen Zwang zur „american happiness“. Sie wird gleichgesetzt mit Depression, mit Willensschwäche,  oder wird ausgelöst durch das Fehlen von Tabletten. American happiness bedeutet, dass ich Glück und Trauer strikt voneinander trennen muss und nur dem Glück nachstreben darf.

Wilson aber plädiert für eine bestimmte Traurigkeit, die wir Europäer „Melancholie“ nennen. Melancholie ist eine philosophische Traurigkeit. Sie entspringt aus der Haltung heraus, dass Glück und Trauer, Höhen und Tiefen, zum Leben gehören und sich abwechseln. Der Ursprung des melancholischen Zustands liegt nicht in den eigenen Kindheitstraumata, sondern darin, dass ich erkenne, dass das Leben spielt – auch mit mir spielt und dabei manchmal mächtiger ist als ich. Es kann mir Dinge zufügen, die ich nicht will, die ich aber nicht abwehren kann.

Aber in dem Moment, in dem ich begreife, dass es ohne Tiefen gar kein Leben gibt, kann mich diese Melancholie ergreifen. Ab da habe ich im Unglück immer auch die tiefe, ruhige Gewissheit in mir, dass ich gerade eng mit der Wirklichkeit des Lebens verbunden bin. Ab da ahne ich in jedem Glück, dass es ein wunderbares Geschenk ist, das auch einmal vorbei sein wird. In dem Moment, in dem ich begreife, dass es gar nicht in meiner Macht steht, viele dieser Tiefen zu vermeiden, dass sie mich schicksalhaft treffen –  in dem Moment kenne ich diese Traurigkeit. Sie wird mich nie wieder verlassen, weil sie auf der Erkenntnis des Lebens beruht. Und hinter eine Erkenntnis kann man niemals wieder zurück. Wenn wir über die Unvollkommenheit der Welt trauern können, dann bringt uns diese Traurigkeit sehr viel. Sie bringt uns „in Einklang mit der Wirklichkeit“ (S. 45). Das ist ein wirklich philosophisches Lebensgefühl.

Wilson, Unglücklich glücklich

Eric G. Wilson: Unglücklich glücklich. Von europäischer Melancholie und American Happiness. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Held. Stuttgart (Klett-Cotta) 2009

Weitere Infos bei klett-cotta

kaufen bei amazon

Schlagwörter:, , ,

Philosophieren mit Bildern (4)

Juni 18th, 2010

Friedhelm hat gekocht

Es gibt Gastmahle, die man nie vergißt.

Friedhelm hat gekocht. Friedhelm hat in Ungarn gekocht. Ein Hängetopf über dem Feuer. Zu groß für eine Person. Friedhelm hat für Freunde gekocht.

Wenn Friedhelm für Freunde kocht, dann macht er ihnen damit einen warmen Bauch. Ein warmer Bauch ist ein schönes Gefühl: es ist Geborgenheit, es ist friedliches Wohlbefinden, es ist das Gefühl: die Welt ist gut zu mir. Das fremde Land wird zu einer Heimat, in der man versorgt wird. Das Feuer vor den Füßen und später die Sterne am schwarzen Himmel. Gespräche entstehen, still, gut und nah. Ab und zu ruft irgendwo ein Kauz.

Es gibt Festmahle, die man nie vergißt.

Friedhelm zum Kennenlernen: www.schreibwerkstattfbeyreiss.npage.de/mein_krebsgang

Schlagwörter:, , ,