Ohne Vergangenheit kein ICH

Juni 8th, 2011

Wir sind verwoben mit unserer Geschichte. Unsere Persönllichkeit entsteht aus ihr und mit ihr. Ohne Vergangenheit gibt es kein Ich. Ein Ich nur in Gegenwart und Zukunft würde nichts über sich wissen. Vergangenheit zeigt uns unsere Geschichte. Unsere Erfahrungen und Erlebnisse, unsere Erinnerungen entstammen alle der Vergangenheit. Aus ihnen sind unsere Überzeugungen und Einstellungen, unsere Wertvorstellungen und manche Charaktereigenschaften entstanden. Das, was uns heute ausmacht, ist ohne Vergangenheit nicht vorstellbar. Hätten wir nur das Hier und Jetzt, könnten wir unsere Einstellungen ändern, wie es uns gerade beliebt, denn sie wären abhängig von der Tagesform oder von einer aktuellen Situation. Wir wären keine konstante Persönlichkeit, sondern ein Schnellreaktionsbündel, das sich nicht lange mit Entscheidungsfindungen herumplagt. Strenggenommen hätten wir auch keine Zukunft. Denn wenn wir ein Morgen denken könnten, würden wir schlussfolgern, dass unser Heute schon morgen ein Gestern wäre, also Vergangenheit. Ohne Zukunft würden wir auch nicht an die Konsequenzen unserer Handlungen denken. Alles bliebe – zumindest für uns als Zeitlose – folgenlos. Damit wäre es einerlei, wie wir handelten. Ob so oder anders – es wäre doch ziemlich egal. Wir würden niemals Werte verletzen können, weil wir gar keine Werte hätten. Wir müßten keine Konsequenzen ausbaden, weil wir ohne Vergangenheit auch keine Zukunft kennen würden. Wir könnten nicht authentisch handeln, denn dazu braucht man ein Ich, dem man gerecht werden will. Es wäre überflüssig, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, denn eine Wahrheit, die nur heute gilt und selbst kein Morgen hat, ist wertlos.

Nun sind wir aber Menschen mit Vergangenheit und Zukunft. Wir haben unsere Einstellungen durch Erfahrungen entwickelt. Wir haben durch Erlebnisse unsere Gefühle und unsere Werte entwickelt. Wir handeln verantwortlich, weil wir um die Zukunft wissen. Wir haben unser bisheriges Leben unter der Voraussetzung gelebt, dass es eine Zukunft gibt und dass es sich lohnt, ihr entgegenzuleben.

Was passiert jetzt, wenn wir plötzlich eine Krebsdiagnose bekommen?

Dann haben wir zunächst einen großen Teil unserer Vergangenheit unter Voraussetzungen gelebt, die jetzt gar nicht mehr gelten. Mein Ich ist möglicherweise ohne Zukunft. Mit diesem Gedanken haben wir bisher normalerweise nicht gelebt. Im Gegenteil. Eine solche Diagnose treibt einen gehörigen Bruch in unsere Biografie. Die Voraussetzungen, unter denen wir bisher gelebt haben, stimmen nicht mehr. Neue Orientierungen sind so schnell nicht da. Sie müssen erst langsam wachsen. Wir müssen uns erst hineinfinden.

Wir müssen nicht nur den Krebs bekämpfen. Wir müssen auch vom Bruch in unserer Biografie genesen. Dazu brauchen wir Zeit: für das neue Ich muss das Jetzt Vergangenheit werden.

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Philosophieren mit Bildern (6): Nebel

Juni 1st, 2011
Landschaft im Nebel

Landschaft im Nebel

Morgens beim Walken, es war gar nicht mehr so früh, vielleicht schon halb acht. Der Nebel war dicht. Alles sah verschwommen aus. Außer mir war niemand unterwegs. Alles war nur für mich da. Meine geliebte Strecke – ich kenne sie wie meine Westentasche – zeigte sich von einer seltenen und überraschenden Seite: ziemlich verschleiert. Ich finde diese Wege immer schön, doch heute Morgen schienen sie mir besonders anmutig und geheimnisvoll.

Wie wäre es mir eigentlich vorgekommen,wenn ich diese Landschaft nicht so gut kennen würde? Wenn ich nicht wüßte, was alles im Nebel verborgen bleibt? Wenn ich nicht wüßte, wie der Weg weitergeht? Wenn ich immer  nur 20 Meter weit sehen könnte, was da kommt?

Ich müßte mich auf Vieles in meiner Nähe konzentrieren, weil weit Entferntes nicht in meinen Blick geraten kann. Vielleicht würde ich langsamer gehen, weil mich nichts aus der Ferne zieht. Ich würde länger bei den Dingen verweilen, sie länger betrachten. Dann würde mir das Weniger-Sehen-Können Zeit schenken. Und intensivere Erlebnisse beim Da-Sein.

Vielleicht würde ich aber auch schneller gehen wollen, damit ich auch das sehen kann, was sich im Nebel verbirgt. Trotz geringeren Überblicks könnte ich loslaufen und mich überraschen lassen von Begegnungen. Dabei hätte ich das Gefühl, immer wieder Neuland zu betreten. Ohne lange anvisiert worden zu sein, könnten Begegnungen und Erlebnisse auf mich zukommen. Auch das würde sich sehr lebendig anfühlen.

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Das sächsische Wissenschaftsministerium und das Rückfallrisiko nach Krebs

April 28th, 2011

Eine gewählte Rektorin soll ihr Amt an der HTWK Leipzig nicht antreten, weil das sächsische Wissenschaftsministerium findet, dass sie aufgrund ihrer überstandenen Krebserkrankung nicht in den Beamtenstatus übernommen werden kann, weil das Rückfallrisiko zu hoch sei.

Mir ist bekannt, dass das Beamtenrecht eine Gesundheitsprüfung vorsieht, bevor jemand verbeamtet wird. Dass eine solche Prüfung bestehende Krankheiten erfasst, z. B. Diabetes, kann ich mir vorstellen. Aber Rückfälle, die noch gar nicht stattgefunden haben?  Da kommen einige Zweifel.

Da es sich hier um statistische Größen handelt, fallen sofort viele Fragen über mich her:

Wie hoch darf das Rückfallrisiko sein, um an einer sächsischen Hochschule noch Beamtin werden zu können? Mit wie vielen Stellen hinter dem Komma – der wissenschaftlichen Exaktheit wegen?

Noch viel spannender ist die Frage, wie man eine statistische Größe, die ein Rückfallrisiko berechnet, individualisiert.

Machen wir einmal den Versuch, das Rückfallrisiko für eine konkrete Person zu berechnen. Das ist doch genau das, was wir KrebspatientInnen am häufigsten wissen wollen: wie hoch ist mein Rückfallrisiko und wie berechnet man das und was kann ich dann dagegen tun?

Nehmen wir mal ein Beispiel vom Jahrmarkt. Sie kennen doch sicher den Eimer mit den Losen. “Jedes zehnte Los gewinnt” und schon greifen wir zu. Wer jetzt 10 Lose kauft und glaubt, da müsse garantiert ein Gewinn dabei sein, hat die Rechnung ohne die Statistik gemacht. Jedes zehnte Los ist nämlich in Wirklichkeit nicht jedes zehnte, das ich ziehe. Es heißt einfach nur, dass bei einer Menge von 100 Losen 10 Gewinne dabei sind. Ich kann auch daneben greifen und nur Nieten ziehen. Nur wenn 100 Lose im Eimer sind, und ich 91 Lose kaufe, ist garantiert ein Gewinn dabei.

Jetzt ein Beispiel für das Rückfallrisiko. Nehmen wir an, eine Beobachtung hat ergeben, dass von 100 Menschen 5 einen Rückfall erleiden. Dann ist das Risiko 5 %. Woher weiß ich denn jetzt, ob ich dazu gehöre oder nicht? Es wäre einfach, wenn wir alle nummeriert wären und es immer die ersten 5 wären. Wenn ich die sechs bin, dann weiß ich, dass ich nicht dazu gehöre. Es trifft aber nicht der Reihe nach die ersten. Es ist wie beim Loseimer. Es trifft einfach irgendwelche von 100. Es könnte die Nummer 36 sein oder 72 oder 4 und so weiter. Und wenn man eine weitere Gruppe von 100 Personen beobachtet, sind es wieder andere Nummern.

Für unser Wissen um unser Krebsrisiko bedeutet das: Wir sind in der Situation der Lose und wissen ebenso wenig wie die, die uns ziehen, ob wir eine Niete sind oder ein Gewinn. Wir wissen nur, einige von uns trifft es, andere nicht, aber wer es ist und wen es trifft, wissen wir nicht. Wir wissen es erst, wenn es wirklich passiert.

Das sächsische Wissenschaftsministerium weiß also auch nicht, ob das Los, das es gezogen hat, eine Niete oder ein Gewinn ist. Wenn es im Unterschied zu uns mit Risiken nicht leben und arbeiten kann, könnte es lediglich sagen, aus einem Eimer, der auch Nieten hat, nehme ich kein Los. Das würde bedeuten, dass ein Mensch, der Krebs hatte, oder aus einem anderen Risikoeimer stammt, in Sachsen nicht Beamtin oder Beamter werden kann. Aber eine individuelle Person so zu behandeln, als sei der Rückfall bereits eingetreten, zeugt davon, dass es mit dem Gespür für respektvolle und würdevolle Behandlung von Mitmenschen nicht gut bestellt ist.

Sinnvoller wäre da eher, besonders in einem Wissenschaftsministerium, keinen Entscheider mehr aus dem Eimer ohne Statistikkurs zu ziehen.  Oder in einem Kurs über kommunikative Ethik etwas dazuzulernen…

Ich wünsche allen dort eine stabile Gesundheit, damit sie das, was sie selbst anrichten, nicht eines Tages ausbaden müssen.

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Philosophieren mit Bildern (5) Ein Baum nach der Chemo

April 20th, 2011

Unter einem schönen Baum stellt man sich prototypisch wohl immer einen mit voller Krone vor. Groß gewachsen, kräftiger Stamm, grün im Laub. Etwa so wie eine Kastanie. Ein Baum wächst über Jahrzehnte, manche über Jahrhunderte, wenn man sie lässt. Er verändert sich durch alle Jahreszeiten. So schön er im Frühling blühen kann, so intensiv kann er im Winter “tot sein” spielen.

Manchmal ist ein Baum auch wirklich tot. Oder so stark zurechtgestutzt, dass man ihn nicht wiedererkennt.

bis 11.Feb. 2011 Kaiserswerth 012

Keine Zweige, keine Blätter. Ein bizarres Gerippe. Die verbliebenen Äste sind um seinen Stamm verteilt und lassen seine vormalige Größe ahnen. Wahrscheinlich sähen alle anderen Bäume seiner Umgebung ohne Äste und Laub auch so aus. Aber er ist der einzige, der sich so zeigt. Ein sehr individueller Blickfang. Bizarr und spannend. Ungewöhnlich und apart. Vielleicht etwas erschreckend oder traurig. Aber faszinierend, weil er etwas zeigt, was man normalerweise an einem Baum nicht sieht.

Etwas Intimes. Sonst durch Laub verhüllt. Etwas Wesentliches, unverstellt. Etwas, das am längsten von ihm bleibt.

Ein Baum nach der Chemo. Was zeigt er, wenn der Kopfputz fehlt? Ein so spannendes Formenspiel, dass man den Blick gar nicht abwenden möchte.

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Das Ende der Würde

April 6th, 2011

In Fukushima können an die 1000 Leichen nicht bestattet werden. Sie sind kontaminiert. Wer sie abholt, wird kontaminiert. Wenn man sie den Familien übergibt, werden auch die kontaminiert. Wenn man sie verbrennt, kontaminiert man die Atmoshäre. Wenn man sie bestattet, kontaminiert man den Boden, alles was aus ihm wächst und alles was von ihm frisst, vielleicht auch das Grundwasser. Wenn man sie dekontaminiert, könnten sie noch stärker beschädigt werden, als sie es jetzt schon sind.

Diese Leichen sind Sondermüll. Man ist gezwungen, sie wie Sondermüll zu behandeln.

Wie war das noch mal mit der Würde des Menschen?

Gibt es sie, weil im Gesetzs steht, dass sie unantastbar ist? Und wenn man würdelos behandelt wird, hat man dann trotzdem seine Würde noch? Und empfindet man das auch selbst, dass man sie hat? Hört Würde eigentlich mit dem Tod auf?

Ich glaube, wir müssen nicht lange darüber streiten, dass Artikel 1 des GG  “Die Würde des Menschen ist unantastbar” zwar richtig ist, aber nicht die Realität abbildet. Er ist vielmehr eine Forderung, der wir immer nachkommen sollen.

Wie macht man es denn, dass Würde entsteht?

Menschen gibt es nur in Gemeinschaft. Deshalb haben wir immer Gelegenheit und Anlass, in den anderen einen Teil von uns zu erkennen. Die Wertschätzung und der Respekt, den wir uns selbst entgegenbringen, den wir uns für uns selbst wünschen, den sollen wir auch anderen entgegen bringen. Würde entsteht interaktiv. Man braucht sich selbst und ein Gegenüber dazu. Und beide müssen Würde als zugehörig zum Menschen begreifen, wertschätzen oder spüren können.

Wie gehören unsere Toten dazu? Ein toter Mensch repräsentiert in seinem Tot-Sein ein Stück unserer eigenen Zukunft, einer, der wir nicht mehr selbst begegnen können. Wir sehen an Toten etwas, das uns selbst existenziell betrifft. Wir sehen in ihnen das Menschsein, das sie mit uns teilten. Sie sind welche von uns. Wenn jemand in Toten keine Menschen mehr sehen kann, nennt Julia Glahn das “eine Art pathologischer Mangel an Sozialkompetenz” (S. 63).

Und jetzt sind Tote Sondermüll. Ein Teil der Menschheit ist nach dem Tod Sondermüll. Zum Schutz Lebender und zuküftig Geborener können sie nicht würdevoll bestattet werden.

Bisher dachte ich, Atomkraft sei gefährlich. Dass sie auch über den Tod hinaus entwürdigend ist, wird uns in diesem Frühjahr in Fukushima real vor Augen geführt.

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Falsche These: Sozialverhalten verursache angeblich Krebs

März 17th, 2011

Hier die falsche These, die ich im Internet gefunden habe:

„Die weibliche Brust repräsentiert (…) die Erfüllung im Geben von Zuwendung und in logischer (sic!, A. H.) Konsequenz auch den Anspruch auf Zuwendung von Anderen aus dem sozialen Umfeld.
Störungen zeigen, dass man sich im Verlangen nach Erfüllung von Fürsorge und Zuwendung verausgabt hat. Wie man sich verausgabt hat, zeigen die Krankheitsformen.“ (
http://www.simplepower.de/der-soziale-koerper/der-soziale-koerper-von-a-bis-z.php#brustkrebs)

Wenn die weibliche Brust etwas „repräsentiert“, dann fungiert sie als Symbol. Symbole erkennen und verstehen ist ein interpretatorischer Akt, zu dem man Denkvermögen und Erfahrung in der entsprechenden Kultur braucht. Symbole sind für Menschen wichtig, weil sie vieles über die Werte aussagen, die in ihrer Kultur anerkannt werden. Das Symbol selbst, also hier die Brust, hat kein Denkvermögen und weiß nicht, welche Zuschreibung wir mit ihr vornehmen. Also kann sie auch nicht bei einer Verausgabung im „Verlangen nach Fürsorge und Erfüllung“ wissen, dass sie damit gemeint ist und also kann sie auch nicht daraufhin Krebs entwickeln.

Der letzte Satz, den ich oben zitiert habe, ist unklar. Ob mit „wie man sich verausgabt hat“ die Intensität der Verausgabung oder die Art und Weise oder die temporale Dauer gemeint ist, wird nicht geklärt. Für einen Nachweis psychosomatisher Auswirkungen wäre aber genau das wichtig. Sonst klingt “Wie man sich verausgabt hat, zeigen die Krankheitsformen” wie eine hämische Bemerkung im Stil von “das hast Du jetzt davon”. Wegen fehlender Nachweise haben wir es hier also nicht mit etwas Wahrem zu tun, sondern mit einem Behaupten von angeblich Wahrem. Der Autor belegt nicht das, was er behauptet, sondern sagt einfach, es sei wahr.  Im weiteren Text nenne ich ihn “Wahrsager”.

Für Menschen, die von Krebs betroffen sind, sind solche Texte vor allem dann sehr ärgerlich, wenn jemand so ausgeprägt undeutlich bleibt. Im Folgenden will ich einige Argumente nennen, warum solche Texte darüberhinaus auch schädlich sind.

  • Nicht nachvollziehbare Ursachen: Warum sich Sozialverhalten, ob gut oder schlecht, gezielt in einzelnen Organen krankhaft auswirkt, ist nicht näher belegt. Es wird auch auf keine Untersuchung verwiesen. Stattdessen wird in ganz schlimmen Fällen wie hier eine symbolische Zuschreibung  und ein empirischer Fakt als zusammengehörig behauptet. Wenn man das glaubt, kann man auch glauben, dass Herzinfarkte durch Liebeskummer ausgelöst werden.
  • Unterschlagung von Untersuchungen, die die “Krebs-durch-emotionale-Verausgabungs-These” widerlegen. In diesem Link sind Ergebnisse von Unterschungen zusammengefasst, die bisher vorliegen, und die KEINE Krebspersönlichkeit nachweisen können. Das heißt: nach bisherigen Erkenntnissen ist es kein Charakterfehler, an Krebs zu erkranken. Ein Zusammenhang zwischen dem Mutieren von Zellen und menschlichem Verhalten konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
  • Schuldgefühle für die Betroffene: Wenn eine Frau jetzt glaubt, dass sie Krebs bekommen hat, weil sie sich in ihrem sozialen Umfeld emotional verausgabt hat (das eben legt die falsche These nahe), dann kann sie sich doppelt bestraft fühlen: sie hat ein schlechtes Umfeld, deswegen ist sie vermutlich schon unglücklich. Jetzt hat sie auch noch Krebs als existentielle Bedrohung. Für Menschen, die für Schuldgefühle anfällig sind, ist dieser Ansatz sehr nachteilig. Ihre Schuldgefühle potenzieren sich dadurch. Sie geben sich die Schuld an den unglücklichen Beziehungen, sie geben sich auch die Schuld daran, dass Krebs sie befallen hat. In dem Fall nehmen sie eine Doppelrolle als Täter-Opfer ein. Sie lassen sich in ihrem sozialen Umfeld ausbeuten, sie sind dadurch Selbstzerstörer und das Opfer, das aus eigenem Handeln resultiert. Es wäre viel überschaubarer zu sagen: Die emotionale Ausbeutung und die Krebserkrankung treten gleichzeitig auf, haben nichts miteinander zu tun. Auf welchen dieser Terrains kann ich handeln? Angesichts dieser Situation wissen die meisten Menschen ziemlich genau, was ihnen im Leben wichtig ist: Es ist mein einziges Leben und darin soll es mir gut gehen. Also bereinige oder beende ich diese Beziehungen. Das ist das Terrain, in dem ich etwas tun und bewirken kann, in dem ich Entscheidungen fällen kann. Gegen den Krebs kann hoffentlich die Medizin helfen. Wenn Anhänger dieser “Krebs-durch-emotionale-Verausgabungs-These” ihre Beziehungen geändert haben und dann ein Rezidiv bekommen, dann könnten sie schlimmsten Falls den Wiederausbruch der Krankheit als Rückschlag ihrer sozialen Bemühungen ansehen und rückwirkend den Glauben an diese verlieren.
  • Auswirkungen auf das soziale Umfeld: Ein Mensch. der seine Beziehungen überwiegend deswegen ins Reine bringt, damit er keinen Krebs bekommt, kalkuliert mit den Beziehungen zugunsten seiner eigenen Gesundheit. Nicht den sozialen Beziehungen räumt er die erste Priorität ein, z. B. weil er erfüllte soziale Nähe will, sondern die Gesundheit hat die erste Priorität. Wer so denkt, verändert etwas in den Beziehungen, um eine gute Gesundheit zu erreichen. Ein solcher Mensch ist gar nicht so sozial, sondern eher egozentrisch. (Scherz – Frage an den Wahrsager: Welchen Krebs kriegt man denn davon?)
  • Folgen für die Autonomie: Eine Krebserkrankung ist eine erschütternde Erfahrung. Man rückt in die Nähe des Todes. Alles strukturiert sich um. Man erfährt plötzlich, wie sehr man am eigenen Leben hängt. Das ist ein intensives Gefühl von Abhängigkeit, dabei will man gerne gerade jetzt autonom sein, sich nicht von anderen gängeln und bestimmen lassen. Was löst aber diese falsche These aus? Sie  definiert, warum man gerade diesen Krebs bekommen habe. Sie gängelt den eigenen Blick, ohne eine nachvollziehbare Grundlage. Sie nimmt einem gerade hier die Autonomie. Sie begleitet die betroffene Person nicht in ihrer eigenen Suche danach, was jemand ändern will, ob jemand überhaupt etwas ändern will. Sie gibt schon vor, wo die Ursache der Erkrankung liegt und wo demnach etwas geändert werden muss, wenn Gesundheit erlangt werden will.
  • Folgen für die Beziehung zum Wahrsager: Wenn jemand abstreitet, dass diese Ursache für die eigene Erkrankung stimmt, kann der Wahrsager sofort entgegnen, man wolle ja nicht hinsehen. Das ist eine weit verbreitete Immunisierungsstrategie (nicht nur bei Wahrsagern): du behauptest, ich hätte Unrecht? Klar, weil Du es nicht hören willst. So springt der Wahrsager einfach aus der inhaltlichen Argumentationsebene heraus und geht in eine strategisch-taktische über: er greift den Ablehnenden an, indem er ihm Illoyalität oder eine charakterliche oder psychische Schwäche unterstellt und ihn so unglaubwürdig macht. Das Prinzip des Wahrsagers heißt: die kranke Person war schon vorher unbelehrbar, sonst hätte sie ja keinen Krebs bekommen. Und jetzt bleibt sie unbelehrbar, obwohl der Wahrsager nur helfen will. So baut der Wahrsager eine hierarchische Beziehung auf. Er ist oben und hat Recht. Die kranke Person ist unten, ist also (wieder) das Opfer und hat Unrecht. Das ist ein sozial krankes Verhältnis. (Exkurs: Der Wahrsager würde sagen, von solchen Beziehungen bekomme man Krebs, weil die Fürsorge nicht ausgewogen ist. Demnach wäre der Wahrsager in seiner eigenen Theorie die Krebsursache.)
  • Kulturpolitische Folgen: Die “Krebs-durch soziale-Verausgabungsthese” animiert Krebsbetroffene, in ihrem eigenen Verhalten nach den Ursachen der Erkrankung zu suchen. Der Blick geht weg von Ursachen in der Umweltzerstörung, in der Luftverschmutzung, in der Nahrungsmittelproduktion, in der atomaren Verseuchung. Ein solcher Blick verhindert politische Anklage, er verhindert andere Dimensionen der Analyse von Täterschaften. Wenn ich mich selbst als Täter und Opfer zugleich fühle, bin ich so mit mir und meiner Psyche beschäftigt, dass ich nicht auf andere mögliche Täter oder Umstände gucke. Damit geht Betroffenen eine wichtige Dimension des autonomen Lebens verloren, nämlich die Dimension als mündige Bürger, die sich als eine öffentliche politische Kraft in einer Gesellschaft verhalten.

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Abschiedsritual

Januar 18th, 2011

Abschied schmerzt. Endgültiger Abschied schmerzt dauerhaft. Deswegen sind Abschiedsrituale wichtig. Sie lindern den Schmerz. Warum können sie das?

Abschiedsrituale,  die in Gemeinschaft gefeiert werden,  lindern Schmerz, weil sie ermöglichen, ihn zu teilen. Sie schaffen ein Erlebnis, das in die Zeit nach dem Verlust gehört. Sie sind eine Verbindung zwischen der Zeit mit dem Menschen, der nun gestorben ist und der Zeit nach seinem Tod. Der Bruch, mit dem der Tod die Zeit des gewohnten Miteinanders von uns trennt, wird so verbunden.

Das mobile Hospiz- und Palliativteam der Tiroler Hospizgemeinschaft feiert ein Jahresritual, dessen Bilder sich lohnen, angeguckt zu werden.

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Workshops zur Gesundheit

Januar 8th, 2011

Haben Sie Lust, einen ganzen Tag Dinge zu tun, bei denen Sie viel Neues entdecken können und die Ihrer Gesundheit gut tun?

Am 29. Januar gibt es in Bremen dazu eine gute Gelegenheit:

Im Frauenstadthaus Am Hulsberg 11 veranstaltet MACH! (Monika Hoffmann, Agnes Hümbs, Chantal Cowan und Hilke Milarch) einen ganzen Tag mit Workshops zur Gesundheit.

Von Tanzen über Philosophieren bis zur Biografiearbeit wird eine Vielfalt geboten, die mit intensiven Inhalten und spielerischen Methoden  – professionell begleitet – neugierig macht und Entdeckungsreisen ermöglicht.

Buchen können Sie einzelne Workshops oder alle zusammen. Wir freuen uns auf Sie!

Programm:
Start
9:30 Uhr: Offener Beginn mit Kaffee und Tee
10:00 Uhr: Eröffnung und Grußworte
Workshops
10:30 Uhr: Workshop I: Tanzerleben
12:00 Uhr: Mittagsimbiss
13:00 Uhr: Workshop II: Philosophischer Salon 14:30 Uhr: Kaffeepause
15:00 Uhr: Workshop III: Biografiearbeit
Ausklang
17:00 Uhr: Verabschiedung der Teilnehmer
Seminargebühr: Einzel-Workshop: 35,- €;
Gesamtprogramm: 89,- €
Seminarort: Frauenstadthaus, 28205 Bremen
Teilnehmerzahl: 10 Personen/Workshop
Anmeldung und Information:
Zwischenzeit Reisen
0421-248 95 59
mail@zwischenzeitreisen.de

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Die Sache mit dem Tod

Oktober 23rd, 2010

Hier noch eine kleine Nachlese…In meinem Vortrag “Fragen am Ende des Lebens” hatte ich u. a. über die existentialistische Auffassung über Leben und Tod und über die Möglichkeiten gesprochen, wie Menschen, die noch bei Bewußtsein sind, durch Entscheidungen, die über den eigenen Tod hinausreichen, die eigene Zukunft gedanklich verlängern können. Real werden sie sie gar nicht erleben, aber sie können einen Teil des Lebens der anderen antizipieren: Wie wird das aussehen, nachdem sie selbst gestorben sind? Und sie können durch bestimmte Entscheidungen über den eigenen Tod hinaus in das Leben der anderen eingreifen, indem sie z. B. ein Erbe verteilen oder Gestaltungsideen für die eigene Trauerfeier entwerfen.

Nachdem ich den Vortrag beendet hatte, lud ich zur Diskussion und zum Austausch ein. Am Ende meldete sich noch ein Teilnehmer und kritisierte, dass es mir zu sehr um Zukunft und Überleben gegangen wäre. Ich hätte überhaupt nicht berücksichtigt, dass wir den Tod schon seit der Geburt in uns trügen und in unserem Leben täglich mit ihm konfrontiert seien. Aus Zeitgründen hatte ich keine Gelegenheit mehr, zu antworten. Das mache ich stattdessen jetzt hier.

Existentialisten würden wahrscheinlich sagen, ja, da ist was dran. Hannah Arendt dagegen würde wahrscheinlich sagen, wer das so sieht, hat etwas ganz Wesentliches nicht bemerkt: dass nämlich durch unsere “Geburtlichkeit” eine Kreativität in uns wohnt, die uns immer wieder etwas Neues schöpfen und denken lässt. Wer den Tod schon bei der Geburt so sehr betont, läuft Gefahr, die Geburt als solche mit dem, was sie alles ermöglicht, zu verkennen. Das zum einen.

Zum zweiten: Die übliche existentialistische Auffassung können wir im Leben als Erkenntnis mit uns herumtragen. Sie erinnert uns im besten Fall mahnend daran, dass wir das Leben wegen seiner Begrenzheit schätzen. Wir leben vielleicht auch in dem Gefühl oder dem Bewußtsein, dass unser Leben plötzlich morgen oder in kurzer Zeit beendet sein könnte. Aber hier ist der Konjunktiv entlarvend. Es könnte. Im Sterben kommt der Indikativ. Dann wissen wir, es wird beendet sein. In wenigen Tagen oder Wochen. Was wir im Leben als (theoretisches) Wissen in uns hatten, wird im Sterben ein reales Erlebnis. Und wenn wir unsere letzten Tage intensiv erleben und durchdenken können und wollen, bekommt diese Erkenntnis eine neue Qualität. Allein die Tatsache, dass der Tod nicht mehr in einer ungewissen oder fernen Zukunft liegt, sondern dass er durch den Sterbeprozess in die Gegenwart gerät, verändert tatsächlich etwas. Das mindeste ist, dass er uns die Lebenszeit zweidimensional macht. Es gibt eine Vergangenheit und eine  Gegenwart. Die sehr begrenzte Zukunft läßt sich nur durch Phantasie vorstellen und sehr begrenzt durch handelnden Einfluss gestalten. Das ist die letzte Autonomie, die uns bleibt. Die Auswirkungen erleben werden ausschließlich andere.

P.S.

Auf dem Bild war kein Sarggriff, sondern ein Türklopfer.

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Fragen am Ende des Lebens

Oktober 22nd, 2010

In meinen gestrigen Vortrag “Fragen am Ende des Lebens” für das Hospiz in Lüneburg habe ich über einen Konflikt gesprochen, der Menschen bei einer Krebsdiagnose heimsuchen kann. Mitten in den Schock, den die Erkrankung oft bedeutet, mischt sich manchmal Verzweiflung. Ein philosophisches Gespräch hat gute Möglichkeiten, aus der Verzweiflung herauszuhelfen. Denn hinter ihr verbirgt sich eine Vorstellung von gerechter, fairer Behandlung. Etwa so: Ich möchte eigentlich vom Leben genauso wichtig genommen werden, wie ich auch mein Leben wichtig nehme. Das wäre gerecht, ausgewogen, ausbalanciert. Oder: Ich habe mein Leben geschenkt bekommen und möchte es auch behalten. Als Kind haben wir das oft gesagt: Geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestolen. Da ist dann das Gefühl: Es ist unfair, was diese Krankheit mir antut. Manche Menschen forschen auch nach einem Grund oder einer Ursache, warum ihnen diese Krankheit beschert wird. Etwa: Was habe ich verbrochen, wofür das jetzt die Quittung ist. Auch das ist eine Vorstellung von Gerechtigkeit im Sinne von Ausgleich. Etwas Gutes wird mit Gutem vergolten und etwas Böses mit Bösem. Es wird eine Balance, eine Ausgewogenheit wieder hergestellt. Man kann in einem philosophischen Gespräch nach vielen Seiten abwägen, was an einer solchen Haltung sinnvoll ist und was daran nicht sinnvoll ist. Man kann über die Gründe reden, warum jemand das denkt, was er denkt. Man kann z. B. fragen,warum Böses mit Bösem vergolten werden soll. Und man kann schließlich überlegen, welche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness man verwirklichen würde, wenn man die Welt selbst erfinden würde.

Am Ende sagte einer der Zuhörer, dass es Gerechtigkeit doch gar nicht gäbe. Ob es Menschen bei Erdbeben oder Flutkatastrophen träfe, es sei niemals gerecht. Das stimmt, wenn es die nicht-menschliche Natur betrifft. Die handelt nicht nach Prinipien der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist eine Erfindung von Menschen. Ohne Menschen gäbe es sie nicht. (Was nicht automatisch heißt, dass es sie mit Menschen denn gibt.) Ohne Menschen gäbe es aber nicht einmal die Idee von Gerechtigkeit. Und nur weil wir diese Idee haben, regen wir uns überhaupt darüber auf, wenn es ungerecht zugeht. Auch wenn wir in unserem Handeln die Prinzipien von Gerechtigkeit nicht walten lassen, spüren wir dennoch ziemlich schnell, wann wir dagegen verstoßen. Ganz im Unterschied zu Krebs, Erdbeben und Überschwemmungen. Die kommen einfach und haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

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