Verlängerung der Krise – Reaktionen anderer (3)

Mai 19th, 2012

Als Nebenjob während des Studiums betreute ich eine Frau, die durch einen Unfall erblindet war. Sie erzählte mir einmal, wie sie nach der ersten Diagnose von ihrer Familie und ihren Freundinnen jahrelang durch ganz Europa zu allen Augenarzt-Kapazitäten geschleppt wurde, um vielleicht doch noch eine Möglichkeit zu finden, das Augenlicht wiederherzustellen. Der letzte Augenarzt, bei dem sie war, sagte zu ihr: “Sie sind eine starke Frau. Ich sage ihnen jetzt mit all meinem Wissen, dass Sie niemals wieder werden sehen können. Gewöhnen Sie sich daran.” Diese Worte kamen ihr damals wie eine Erlösung vor. Endlich hatte sie einen klaren Zustand, der zwar nicht ideal war, aber mit dem man sich abfinden konnte. Sie hatte keine Lust mehr, ihre Kraft in Hoffungen zu stecken, die dann doch immer wieder enttäuscht wurden. Sie war froh, dass sie endlich wußte, woran sie war.

Warum ich das aufschreibe? Weil bei einem Lymphödem viele Menschen helfen wollen und Tipps und Ratschläge bereithalten. Und ich merke, dass ich keine Lust mehr habe, alle Experimente auszuprobieren, um dann doch wieder mit demselben Ergebnis dazustehen. Viele Menschen sind auch keine Kapazitäten wie damals die Augenärzte der blinden Dame. Kaum jemand kennt den Unterschied zwischen einem primären und einem sekundären Lymphödem. Die meisten halten es soweiso für einen Tennisarm und meinen, mit einer vernünftigen Kühlung und Schonung geht das wieder weg. Die Unwissenheit der anderen wäre vielleicht noch ganz amüsant. Was dabei schwerer zu ertragen ist, das ist der eigene Gemütszustand, den die anderen immer wieder stören. Man hat sich endlich nach langem Ringen zwischen Verzweifllungs- und Wutanfällen darauf eingestellt, dass man jetzt immer Kompressionen tragen, waschen und bezahlen muss und Tage und Nächte irgendwie damit gemütlich machen muss. Jetzt ist endlich ein Zustand der inneren Befriedung da. Man weiß, woran man ist und richtet sich darauf ein.

Wenn jetzt wieder ein Tipp kommt, der Tabletten oder sonst was anbietet, dann wird man aus diesem befriedeten Zustand wieder herausgerissen. Dann muss man sich fragen, warum habe ich das noch nicht gewußt, ausprobiert? Dann muss man wieder Hoffnung entwickeln auf eine Heilung. Dazu muss man den Ödemzustand wieder als ablehnenswert umbewerten. Das ist ein emotionaler Kraftakt.

Darum, liebe Ratgebergesellschaft, nehmt es den PatientInnen nicht übel, wenn die nicht so dankbar sind, wie Ihr es angemessen fändet. Die meisten kennen sich mit ihrer Krankheit sehr gut aus, sind in Qualitätszirkeln oder Selbsthilfegruppen, haben alle angesagten Odysseen hinter sich und irgendwann beschlossen, dass die Dauer-Krise des “Es ist immer noch nicht Weg-Syndroms” dadurch beendet wird, dass man einfach damit lebt.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

Schlagwörter:,

“Ist das immer noch nicht weg?” – Reaktionen anderer (2): Lymphödem

Mai 9th, 2012

Lymphödeme sind weitgehend unbekannt.

Nicht nur viele Ärzte wissen nicht damit umzugehen. Darunter sind auch GynäkologInnen, die zumindest unter ihren Brustkrebspatientinnen einige haben, die als Spätfolge ein Ödem entwickeln. Eine Überweisung zu einem Gefäßspezialisten wäre dringend geboten, ist aber die Ausnahme. Darüber kann man sich ärgern, und man kann Aufklärung betreiben, damit die Kenntnis dort angereichert wird, wo sie fehlt.

Auch alle anderen wissen nicht Bescheid. Da kommen hilfsbereite Menschen in Geschäften, in der Bahn und wo sie sich sonst immer aufhalten und geben ungefragt Ratschläge: “Das müssen Sie kühlen.” Oder: “Am besten 14 Tage ruhig stellen und nichts machen.”

Und habt Ihr schon mal gezählt, wie oft Ihr von den Menschen, die Euch und Euer Ödem kennen, gefragt werdet: “Hast du das immer noch?” und “Ist das immer noch nicht weg?” Das kann dann wirklich ätzend werden, wenn dabei etwas von leisem Vorwurf mitschwingt: Da hast Du Dich wohl nicht richtig gekümmert! Ich frage einen Beinamputierten auch nicht, warum das immer noch nicht nachgewachsen ist!

Was ist das für eine Situation? In Sachen Krebs – oder Demenz – sind wir so schön aufgeklärt und können öffentlich darüber sprechen, ohne uns verstecken zu müssen. Bei Krebs – und dank Menschen wie Rudi Assauer auch bei Demenz – ist alle Peinlichkeit abgeschafft. Aber bei etwas, das unser Leben gar nicht bedroht, schlägt die Unwissenheit zu und nervt. Es sind nicht nur die ungefragten Kommentare, die nerven. Das Ödem selbst nervt auch. Am Grad meiner Genervtheit versuche ich mir dann klarzumachen, wie gut es mir eigentlich geht. Und dass die Menschen, die mich kennen, mich nicht mehr mit “Kranksein” gleichsetzen. Und wie normal alles wieder geworden ist.

Bis auf das nervende Ödem…

Schlagwörter:,

Routine. Mammographie – Sonographie: Unklarer Befund…

März 27th, 2012

Unklarer Befund.

Und sofort ist es wieder da.

Das Gefühl, wie es ist, von Minute zu Minute zu leben. Zukunft bedeutet Angst. Von Minute zu Minute leben. Von jetzt zu jetzt. Kein Gleich. Kein Später. Kein Morgen. Zukunft bedeutet Angst. So vertraut: von Minute zu Minute. So geborgen. Von Minute zu Minute.

Alle Sonne von jetzt ist für mich. Das Vogelgezwitscher von jetzt ist für mich. Der einzige Sinn: mir das Leben schön zu machen. Das Leben, das jetzt wieder nur bis zum Tellerrand geht. Außerhalb des Tellerrands zwitschern Vögel, um andere aus ihrem Nistrevier zu vertreiben. Da geht es um Brut, um Aufzucht nachfolgender Vogelgenerationen. Alles Zukunft. Geht mich nichts an.

Auf der Autobahnauffahrt vorbeifahren an ungepflegten Böschungen. Müll. Zerfetzte Plastiktüten in Büschen. Was soll’s. Dann sterben wir eben. Die Welt war wenigstens nicht immer schön. Kahle Sträucher und blattlose Gebüsche. Wie öde. Wie trist. Warum hängt man eigentlich am Leben? An dieser Welt?

Und dann muss man den liebsten Lieben so viel Leid bescheren. Das ist das eigentlich Unerträgliche. Das Leid der Liebsten. Unerträglich.

Wieder zurück: Tellerrand. Von Minute zu Minute. Es erträglicher machen. Die unfreiwillige Fastenzeit. Fasten müssen am Leben.

Schlagwörter:, , , ,

Es muss nicht immer der Jakobsweg sein: dann mal weg auf dem Sigwardsweg

März 17th, 2012

Wandern oder Pilgern ist seit Hape Kerkeling hoch im Kurs. Haben Sie auch schon von Pilgern für Krebsbetroffene gehört? Dr. Freerk Baumann von der Sporthochschule in Köln wandert schon sehr lange mit seinen Patienten. Über die Alpen gings für Männer mit Prostata-Krebs. Mit Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren, reiste er nach Norwegen in den Schnee, wo sie alle Iglus bauten und darin übernachteten. Eine Gruppe von Frauen schickte er fast zwei Monate lang über den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela .

Neuerdings muss man nicht nur auf dem Jakobsweg pilgern. Die Krebsberatungsstelle in Oldenburg bietet im Mai eine Wanderung auf dem Sigwardsweg an. Siehe auch in diesem Blog unter Termine.

Aber was ist am Wandern eigentlich so schön? Klar: die Landschaft, die frische Luft und im Mai meistens das Wetter. Wandern kann aber noch mehr sein: Durch die Regelmäßigkeit der Schritte und des Tempos wird das Atmen gleichmäßig, ohne dass man sich darauf besonders konzentrieren muss. Wandern wird so etwas wie Meditation. Für Krebsbetroffene ist es besonders hilfreich: die gleichmäßige Bewegung stärkt den Körper. Sie nimmt die gedankliche und psychische Belastung.  Wandern und Pilgern geben das Vertrauen in den eigenen Körper und in die eigenen Kräfte zurück, was durch die Krankheit gründlich verunsichert wurde. Nicht zuletzt macht Wandern und Pilgern “rechtschaffen” müde und einen wunderbar erholsamen Schlaf. Wandern – mit allem, was man dabei spürt und erlebt, macht ein intensives Gefühl von Lebendig-Sein. Statt Angst wächst Dankbarkeit.

Übrigens ist das Besondere am Oldenburger Angebot, dass es eine Probewanderung für diejenigen gibt, die noch nicht wissen, ob sie sich die größere Tour zutrauen. Die Eintagesour zum Schnuppern führt von Oldenburg nach Hude (ca. 18. km). Falls man sich die 5-Tagestour nicht zutraut, kann man also erst einmal ausprobieren, wie man das denn so schafft…

Na, Lust gekriegt? Einfach die Links anklicken und in der Krebsberatungsstelle anrufen.

Schlagwörter:, , ,

Medizinische Hilfsmittel oder Modeartikel?

Februar 13th, 2012

Brustkrebspatientinnen haben manchmal das Pech, ein Lymphödem in der Hand oder im Arm  zu entwickeln. Dann gibt es außer Lymphdrainagen auch Kompressionshandschuhe und -ärmel, die immer getragen werden müssen. Lymphödeme sind meistens nur palliativ, nicht kurativ zu behandeln. Das heißt für die betroffenen Frauen, dass sie ihr Leben lang die Kompressionskleidungsstücke tragen müssen.

Nun wäre das ja sehr schön, wenn diese Kleidungsstücke Farben hätten, die sich nicht nur der Haut, sondern auch der übrigen Kleidung anpassten. Darüber habe ich gerade mit einer Herstellerfirma gesprochen. Leider war die Antwort: Das seien medizinische Hilfsmittel und keine Modeartikel.

Aha. Das war die Meinung der Firma. Meine Meinung ist das nicht. Schließlich gibt es auch Brillen, Hörgeräte, Rollstühle und Gehstützen in allen möglichen Farben, die das Leben bunt und schön machen. Und da ein solcher Handschuh oder Ärmel tagaus, tagein, von morgens bis abends und das Jahrzehnte lang, getragen werden muss, ist das auch ein Modeartikel.

Das Hautfarbene an medizinischen Hilfsmitteln soll den Makel vertuschen. So tun, als wäre nichts. Aber mal ehrlich: ein Lymphödem fällt doch jedem immer sofort auf. Man muss sich nur einmal die Hand geben oder eine Geste außerhalb der Jackentasche oder oberhalb des Tisches machen. Ich bin sogar einmal bei einem Museumsbesuch von einer Aufsichtsperson gefragt worden, welche Verletzung ich denn da hätte. Haufarbe vertuscht nichts, Hautfarbe evoziert Mitleid.

Da bevorzuge ich Schmückendes. Spitze drüber, Armbänder drauf, riesige Ringe, nicht zu eng natürlich. Und siehe da: einmal bin ich – im schwarzen Handschuh – schon gefragt worden, ob das eine Modeidee sei.

Was für Brillen, Hörgeräte, Rollstühle, Kinderpflaster, Gehstützen, Kompressionsstrümpfe gilt, gilt auch für Handschuhe und Ärmel: wenn sie mit Farben unsere Laune heben, dann müssen sie Farbe haben. Denn dauerhafte Gebrechen gehören zum Alltag. Warum soll es nicht möglich sein, ein Gebrechen an der Hand oder am Arm zu dekorieren? Sind wir nicht dann gerade so richtig gesund, wenn wir mit der Krankheit leben? Und Leben heißt: in allen Farben. Bitte!

(Ich habe übrigens ein Sanitätshaus, das mich versteht und Hersteller mit vielen verschiedenen Farben ausgräbt. An dieser Stelle nun auch einmal ganz herzlich DANKE!)

Schlagwörter:, , , ,

Ehrlichkeit ist Trost – Reaktionen anderer auf die Diagnose (1)

November 10th, 2011

Haben Sie sich bei Ihrer Diagnose gefragt, wen Sie wie darüber informieren müssen? Und mit wem Sie darüber nicht sprechen wollen? Das ist eine gute Frage, auf die sich eine wohl überlegte Antwort lohnt. Man ist in dieser Zeit selbst unter Schock und weiß noch nicht, was wird. Da tun Menschen gut, die mit einer solchen Situation sensibel umgehen können. Aber was müssen die eigentlich können? Brauchen die Erfahrung? Wie viele solcher Situationen müssen die schon erlebt haben, um die richtige Sensibilität gelernt zu haben?

Eines meiner ersten Erlebnisse war so schön, dass ich sagen kann, man muss gar nichts können außer ehrlich und authentisch sein. Hier mein Beipiel:

Ich musste Frau N., einer Auftraggeberin, die mir Kunden vermittelt hatte, klar machen, dass ich für Ihre Leute mehrere Monate nicht mehr da sein kann. Für Selbstständige wie mich ist Unzuverlässigkeit schlecht für das Geschäft. Sie aber meinte, dass die meisten Kunden dafür großes Verständnis hätten und warten würden, bis ich wieder da sei. Das war schon eine wichtige, große Erleichterung für mich. Das allerschönste kam aber zum Schluss. Als wir das Gesprächsende ansteuerten, sagte sie: “Ich würde Ihnen so gerne etwas Gutes wünschen. Ich bin aber selbst richtig schockiert und habe das auch noch nicht erlebt. Ich weiß gar nicht, was man da sagt.” Und ich antwortete so etwas wie “Mir geht es auch so.” Wir waren also zu zweit in unserer Unerfahrenheit. Sie war so klar in ihrem Wunsch, den sie uns beiden gerade nicht erfüllen konnte.  Eine wohltuende Augenhöhe für mich. Sie hat nicht die Starke gespielt, was mich klein gemacht hätte. Sie hat nicht ihren Schock ausgespielt, der meinem nicht geholfen hätte. Ihre Worte haben mir die Situation so gespiegelt, wie sie auch für mich war: Neu, schockierend und ich selbst unerfahren damit und von ganz anderen Wünschen erfüllt, die gerade nicht realisierbar waren.

Eine unvergessliche Erfahrung, dass Wortlosigkeit in tröstende Worte gefasst werden kann und als solidarisch empfunden werden kann.  Vielen Dank, liebe Frau N.

An die Decke gucken

Oktober 21st, 2011

Kennt Ihr das auch? Da liegt man nun im Krankenhaus, kann nicht schlafen, kann sich nicht richtig bewegen, weil alles weh tut. Und macht sich Sorgen, weil man nicht weiß, was aus einem wird. Ich gucke dabei oft an die Decke. Im Krankenhaus ist die weiß und nicht wirklich anregend.

Da bin ich lieber bei meiner Zahnärztin. Da liege ich im Behandlungsstuhl und gucke auch an die Decke. Aber das ist eine Decke, die hat es in sich. Da gibt es in jedem Behandlungszimmer Fresken und Landschaften mit Sonnenschein und blühende Hügel und Seen, die zum Bade rufen. In diesen Bildern gehe ich spazieren, statt zu grübeln. Ich phantasiere mir die Düfte der Luft und das Vogelgezwitscher hinzu und tauche ab in eine bessere Welt, in der es Zahnschmerzen, Spritzen und Behandlung nicht gibt.

Warum gibt es solche Decken nicht auch in Krankenhäusern? Sie würden so gut dabei helfen, auf gute Gedanken zu kommen. Sie könnten dazu anregen, sich an die eigene Phantasie zu erinnern. Sie könnten zum Träumen provozieren! Also: Warum gibt es sie nicht? Vielleicht zu teuer?

Ich habe noch einen Vorschlag. Der hängt bei meiner Freundin Dörte in der Küche an der Decke. Der macht auch gute Stimmung und lässt von Schatzkisten träumen. Und sieht so aus:

Dörtes Lampe

Was für ein Luxus! In der Küche, wo man auf die wohldekorierten gefüllten Teller guckt, während einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Da hängt dieser Gute-Laune-Macher an der Decke! Es wäre doch wirklich viel besser über einem Krankenbett aufgehoben, wo es so nötig wäre, gute Laune zu verbreiten und zum Träumen zu animieren.

Findet Ihr nicht auch?

Und wenn Ihr ein Krankenhaus kennt mit schönen Decken über den Betten, sagt mir die Adresse.

Nur so für den Fall….

Schlagwörter:, , , , ,

Öffentlichkeit und Privatheit von Narben

Oktober 14th, 2011

Als Jugendliche fand ich Menschen mit Narben hoch interessant. Sie  hatten offensichtlich etwas Dramatisches erlebt. Je länger oder größer die Narbe, desto spannender. Für Pubertierende ist es nicht ungewöhnlich, ein dramatisches Leben als Ideal zu haben. Also haben meine Freundinnen und ich Menschen mit Narben immer auch ein bisschen um ihr offensichtlich ereignisreiches Leben beneidet.

Das war die Sicht der Narbenlosen auf die anderen.

Wie ist eine Narbe aber, wenn sie die eigene ist? Bei jedem Blick in den Spiegel wird sie besonders wahrgenommen, hebt sich immer ab, ist immer sichtbarer als die unversehrte Haut darum herum. Immer erinnert sie als stummes Zeichen daran, warum ich sie habe: weil ich angefahren wurde, weil ich unglücklich stürzte, weil ich krank war…

Fühlt sie sich wirklich als die “eigene” an oder ist sie nur da, ohne wirklich dazu zugehören?

Eine Narbe ist ein anderes Zeichen als ein Tatoo. Beides wird zwar von einem anderen “gestochen”, aber ein Tatoo wähle ich mit Bedacht und unter ästhetischen Gesichtspunkten aus. Ein Tatoo zeigt: So will ich gesehen werden.

Eine Narbe dagegen ist ein Zeichen dafür, dass mir etwas Nicht-Selbstgewähltes zugestoßen ist. Jeder, der sie sieht, weiß: “Aha. Da war was.” Sie gibt Zeichen von etwas, von dem ich vielleicht gar nichts zeigen will. In jedem Fall zeigt sie, dass ich versehrt worden bin. Das geht nicht jeden etwas an. So gesehen sind Narben sensible Daten. Man müßte sie eigentlich unter Datenschutz stellen. Was aber, wenn sie an Körperstellen sind, die nicht durch Kleidung bedeckt sind? Oder wenn ich in die Sauna gehen? Dann verraten sie meine (überstandenen) Verletztheiten.

An dieser Stelle könnte man für die Burka als Ganzkörper-Datenschutz plädieren. Dann würden wir allerdings unseren gesamten Anblick der Welt entziehen. Wir wären damit auch selbst Begegnungen mit der Welt entzogen. Wir würden dann mit bestimmten Wahrnehmungen nicht konfrontiert, dafür aber mit dem Fehlen von individueller Wahrnehmung unserer Person.

Ist es dann leichter, Narben als individuelle Spezifität unserer Person zu tragen?

Ich weiß es nicht. Narben bleiben eine sichtbare Markierung für nicht sichtbare (und weitgehend abgeschlossene) Bewältigungsprozesse. In den meisten Fällen tauschen wir uns nicht darüber aus, wofür sie stehen und was sie für uns bedeuten. Das bleibt privat und intim.

Kümmere Dich nicht um Deine Gefühle – die ziehen Dich nur runter…

September 23rd, 2011

Klingt seltsam, oder? In einer Gesellschaft, in der wir alle therapiert sind und Psychologen und Therapeuten für alle unsere Probleme da sind, halten wir gemeinhin unsere Gefühle für das Wahre, das eigentliche Ich. Ich fühle, also bin ich…

Aber die  Überschrift ist das Ende der Geschichte. Angefangen hat alles ganz anders.

Am Anfang war ich nur irritiert. Später habe ich mich enorm aufgeregt.

Es begann bei einer Podiumsdiskussion, die ich zu moderieren hatte. Die Leiterin einer Krebsselbsthilfegruppe ließ die Bemerkung fallen:

“Die Frage >Warum ich?< soll man sich ja gar nicht stellen.”  “???” “Ja, das wird  immer wieder gesagt.”  “AAA-Ha.”

Die zweite Situation war der Vortrag einer Psychoonkologin: “Fragen Sie bloß nicht >Warum ich?< – da kommen Sie in Teufels Küche.”

Da saß ich nun als Patientin und als Philosophin mit zwei Staatsexamen und hörte mir an, wie die Frage “Warum ich?” mit einer Art Denkverbot versehen wurde. Wie kann das sein? Für mich und andere Philosophen repräsentiert die Frage “Warum ich?” die gesamte existenzielle Situation eines Menschen, der die sinnhafte Einheit seiner Biografie verloren hat. Die schockhafte Diagnose wirft einen Menschen in eine fundamentale existenzielle Krise. Das muss gar keine psychische Krise sein. Die Plötzlichkeit der Diagnose trennt einen Menschen von Gewissheiten und Sicherheiten, die bisher galten. Auf einmal stimmt gar nichts mehr. Alles ist aus den Fugen. Was vorher wahr war, nämlich dass man sich gesund fühlte, dass Zukunft einfach immer da und planbar war, dass das eigene Leben so unbedroht war, dass es einem gar nicht auffiel – das war auf einmal alles gelogen. Das Leben vorher erscheint wie abgetrennt. Die Sinnfrage stellt sich radikal. Da braucht man irgendeine Verbindung, eine Brücke, die wieder einen “gesunden” Zusammenhang zu dem Leben vorher und dem Leben jetzt herstellt. Ein “gesunder” Zusammenhang könnte gestiftet werden durch eine sinnvolle Erklärung. Der Weg dahin wurzelt in der Frage “Warum ich?”.

(Durch den intensiven öffentlichen Diskurs über Krebs fragen sich heute auch schon viele PatientInnen “warum nicht auch ich?” Das ist nicht weniger philosophisch, setzt es doch beim eigenen Mensch-Sein an.)

Die Furcht vieler Therapeuten und Psychoonkologen ist, dass Menschen, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, sich in eine niederziehende Spirale von Schuldgefühlen verstricken, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Die vorgezeichnete Antwort für viele – so wird befürchtet – würde die Vorstellung sein, dass eine Krebserkrankung eine Strafe sei für vorherige Verfehlungen. Das ist in Kulturen, die sich “Du-sollst-nicht-Moralen” verbunden füheln, kein Wunder (!). Schulderzeugende Denkmodelle müssen unbedingt hinterfragt werden und an Alternativen gemessen werden. Dazu braucht man ein dialogwilliges, kluges Gegenüber.

Aber einfach zu raten, beschäftige Dich lieber nicht  mit der Frage, ist ungefähr so, als würde ich jemandem in einer verzweifelten Lage sagen: “Kümmer Dich nicht um Deine Gefühle, die ziehen Dich nur runter.” Genauso wie Gefühle, ist die Frage “Warum ich?” nämlich einfach da. Existenzielle Situationen haben das so an sich, dass sie Fragen aufwerfen und wir nicht unbedingt frei entscheiden können, ob wir uns ihnen stellen oder nicht. Sie stellen sich uns. Wenn wir sie verdrängen, geben wir vieles von uns auf: die Reflexion über uns und unser Leben, die Deutungschancen unserer Widerfahrnisse, einen Weg in unsere autonome, mentale und wertegebundene Verortung.

Also: Wenn Sie fühlen, dass ein “Warum ich?” sich in Ihnen entfacht hat, dann stellen Sie sich die Frage ruhig. Und suchen Sie sich kluge und weise GesprächspartnerInnen. Und kneten Sie gemeinsam jede Antwort gut auf ihren Sinngehalt durch. Und entscheiden Sie am Schluss, welche der Antworten Sie am besten trägt. Sie werden es merken: Denken hilft!

Schlagwörter:, , ,

Leben ohne Frühwarnsystem

Juni 15th, 2011

Einmal im Jahr zur Vorsorge. Nachsorge. Ist ja sowieso dasselbe. Also bei uns jedenfalls.

Früher sind wir zur Ärztin oder zum Arzt gegangen, wenn wir etwas hatten. Halsschmerzen oder Husten. Oder Bauchschmerzen oder eben einen Knoten, den man fühlen konnte. Dann sind wir untersucht und behandelt worden und waren bei Halsschmerzen, Husten und Bauchschmerzen kurze Zeit später wieder gesund. Nur der Knoten, der dauerte länger. Das, was gar nicht weh tat, das war unheimlich und bedrohlich. Normalerweise kommt man ins Krankenhaus, wenn man sich ein Bein gebrochen hat. Erst der Unfall, dann das Krankenhaus als Rettung. So ist die normale Reihenfolge. Bei Krebs ist es irgendwie umgekehrt: Erst tut einem gar nichts weh und man fühlt sich gesund, dann kommt man ins Krankenhaus und nach der OP tut es weh. Dann erst fühlt man sich krank. Und wie! So ist das, wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden muss.

Dann erst engmaschige Nachsorge, später dann jährlich. Das ist dann wie Vorsorge. Wenn Vertrauen weg ist, kommt die Vorsorge. Wenn man schon einmal an Krebs erkrankt war, ist das Vertrauen weg. Man geht nicht erst zum Arzt, wenn man merkt, dass man was hat. Dann ist es vielleicht schon viel zu spät. Man geht lieber – wenn auch nicht gerne – schon mal zwischendurch. Dann weiß man wenigstens, dass da jetzt nicht wieder was ist.

Das Komische ist: man muss nachgucken lassen. Mit Apparaten und Bild gebenden Verfahren. Selber kann man nicht sagen, ob da wieder was ist. Ich selbst kann nicht mehr sagen, ob die Lebensbedrohung wieder da ist oder nicht. Mein Körper ist mir in diesem Punkt sehr unbekannt geworden. Er ist schon einmal unterwandert worden und hat es nicht gemerkt. Er hat keine Alarmmeldung losgeschickt. In dem Punkt ist auf ihn kein Verlass. Man darf ihm da nicht vertrauen.

Also mache ich es wie nach einer Katastrophe: ich baue eine Art Frühwarnsystem ein, nämlich die Nach-Vor-Sorge.
Ich kann diesen in diesem Punkt etwas beschränkten Körper nicht austauschen. Ich kann ihn auch nicht abschaffen. Ohne ihn habe ich keinen Raum, in dem ich leben kann. Also muss ich da auf ihn aufpassen, wo er es nicht kann. Denn wenn er stirbt, muss ich dummerweise mit. Dazu habe ich gar keine Lust.

Schlagwörter:, , , , , ,

« Previous Entries   Next Entries »