Fatigue – existential-philosophisch erklärt

August 15th, 2014

Eine von der Forschergruppe um Privatdozent Salah-Eddin Al-Batran und Felix Tauchert vom Institut für Klinisch-onkologische-Forschung am Krankenaus Nordwest in Frankfurt durchgeführte Umfrage unter 2000 Patienten mit einer Krebserkrankung über die Einschränkung ihrer Lebensqualität zeigte ein für Mediziner überraschendes Ergebnis:

Nicht Schmerzen und Übelkeit wurden an erster Stelle genannt, sondern Fatiguesymptome wie Müdigkeit und Schwäche.

Die gute Nachricht: Die Medizin ist so weit, dass sie die Leiden erfolgreich bekämpfen kann, die bisher die Liste der belastenden Begleiterscheinungen anführten.

Die schlechte Nachricht: Die Ursachen von Fatiguesymptomen sind bisher medizinisch nicht erklärbar – und damit nicht seriös behandelbar.

Kann man Fatiguesymptome philosophisch erklären und durch philosophische Besinnung erträglicher machen? Ich meine: ja!

Eine Krebsdiagnose triff die meisten Menschen aus heiterem Himmel. Plötzlich aus einem gesund empfundenen Leben heraus werden sie mit der Möglichkeit des eigenen nahen Todes konfrontiert und meistens bis ins Mark erschreckt. Was ändert sich philosophisch – in unseren Einstellungen, in unseren Gedanken – durch eine solche Diagnose? Alles!

Bisher waren wir gewohnt, Pläne zu machen, unsere Tage, unser Leben zu strukturieren. Wir konnten uns auf Gewissheiten verlassen, z. B. dass man in dieser Gesellschaft mindestens 80 wird. Oder dass natürlich nach einem Heute ein Morgen kommt. Oder dass man sich auf die Auszahlung der Lebensversicherung freut und dann eine Weltreise macht. Und dass man ungeplant in den Tag hineinleben kann, weil noch so viele Tage kommen werden. Oder dass alles, was man verpasst hat, eben später oder beim nächsten Mal kommt.

Viele dieser Gewissheiten sind so normal, dass sie uns im gelebten Alltag gar nicht bewusst werden. Wir leben einfach mit ihnen und nehmen sie nicht als etwas Besonderes zur Kenntnis. Und dann, nach der Diagnose? Man kann sich das vorstellen wie ein Erdbeben. Alles rumst und ruckelt durcheinander. Nichts gilt mehr so wie vorher, keine dieser Gewissheiten steht mehr gerade oder da, wohin sie gehört. An nichts kann man mehr glauben, am allerwenigsen an die Zukunft. Die grundsätzlichste Basiserfahrung, einfach leben zu können, ist ab jetzt ungültig.

Nach einer solchen Erschütterung kann man Fatiguesymptome existential-philosophisch erklären. Sie stellen die Leere dar, die die gestorbenen Gewissheiten hinterlassen. Das, worauf wir unseren Alltag, unser Leben, selbstverständlich aufgebaut haben, ist zusammengebrochen, hat keine Basis mehr. Was jetzt eintritt, ist eine Trauer über das Verlorene, das Abhanden-Gekommene, das sich meistens gar nicht richtig in Worte fassen lässt. Wenn existentielle Grundpfeiler zusammenbrechen, dann steht kein Stein mehr auf dem anderen, dann muss ein Mensch sich neu sortieren. Allerdings gibt es zunächst überhaupt keine Orientierung wohin, denn was soll noch gelten, wenn nichts mehr gilt? Was soll das Ziel sein, wenn alles ungewiss ist? Vielleicht kann man es sogar in dieser Symbolik ausdrücken: Die Symptome der Fatigue symbolisieren die Leere, die die verlorenen Gewissheiten hinterlassen. Sie waren die Grundorientierung im Leben eines Menschen. Ohne Orientierung herrscht Ratlosigkeit. Ratlosigkeit macht handlungsunfähig. Verlust macht traurig. Trauer kann lähmen.

Verlust, Trauer, Orientierungslosigkeit und Ratlosigkeit, vielleicht ist das alles zusammen der Zustand, den man Fatigue nennt.

Menschen, die plötzlich mit Todesfällen Nahestehender weiterleben mussten, fühlen sich oft ähnlich: müde, schwach und deprimiert. Bei ihnen akzeptiert man diese Zustände als Zeichen der Trauer. Ich begreife Fatigue als etwas Ähnliches. Hier betrauern wir keinen gestorbenen Menschen, aber gestorbene existentielle Gewissheiten, die die Grundfesten unseres unhinterfragten Alltagsverständnisses ausmachen.

Wenn wir statt Selbstverständlichkeiten nur noch Fragen und Brüche sehen, die unsere Minuten ausmachen, dann sind wir existenzielle überfordert und können keinen normalen  Alltag leben. Fatigue verstehe ich deshalb als einen existenziellen Zustand nach tiefen Erschütterungen.

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