Verlängerung der Krise – Reaktionen anderer (3)

Mai 19th, 2012

Als Nebenjob während des Studiums betreute ich eine Frau, die durch einen Unfall erblindet war. Sie erzählte mir einmal, wie sie nach der ersten Diagnose von ihrer Familie und ihren Freundinnen jahrelang durch ganz Europa zu allen Augenarzt-Kapazitäten geschleppt wurde, um vielleicht doch noch eine Möglichkeit zu finden, das Augenlicht wiederherzustellen. Der letzte Augenarzt, bei dem sie war, sagte zu ihr: “Sie sind eine starke Frau. Ich sage ihnen jetzt mit all meinem Wissen, dass Sie niemals wieder werden sehen können. Gewöhnen Sie sich daran.” Diese Worte kamen ihr damals wie eine Erlösung vor. Endlich hatte sie einen klaren Zustand, der zwar nicht ideal war, aber mit dem man sich abfinden konnte. Sie hatte keine Lust mehr, ihre Kraft in Hoffungen zu stecken, die dann doch immer wieder enttäuscht wurden. Sie war froh, dass sie endlich wußte, woran sie war.

Warum ich das aufschreibe? Weil bei einem Lymphödem viele Menschen helfen wollen und Tipps und Ratschläge bereithalten. Und ich merke, dass ich keine Lust mehr habe, alle Experimente auszuprobieren, um dann doch wieder mit demselben Ergebnis dazustehen. Viele Menschen sind auch keine Kapazitäten wie damals die Augenärzte der blinden Dame. Kaum jemand kennt den Unterschied zwischen einem primären und einem sekundären Lymphödem. Die meisten halten es soweiso für einen Tennisarm und meinen, mit einer vernünftigen Kühlung und Schonung geht das wieder weg. Die Unwissenheit der anderen wäre vielleicht noch ganz amüsant. Was dabei schwerer zu ertragen ist, das ist der eigene Gemütszustand, den die anderen immer wieder stören. Man hat sich endlich nach langem Ringen zwischen Verzweifllungs- und Wutanfällen darauf eingestellt, dass man jetzt immer Kompressionen tragen, waschen und bezahlen muss und Tage und Nächte irgendwie damit gemütlich machen muss. Jetzt ist endlich ein Zustand der inneren Befriedung da. Man weiß, woran man ist und richtet sich darauf ein.

Wenn jetzt wieder ein Tipp kommt, der Tabletten oder sonst was anbietet, dann wird man aus diesem befriedeten Zustand wieder herausgerissen. Dann muss man sich fragen, warum habe ich das noch nicht gewußt, ausprobiert? Dann muss man wieder Hoffnung entwickeln auf eine Heilung. Dazu muss man den Ödemzustand wieder als ablehnenswert umbewerten. Das ist ein emotionaler Kraftakt.

Darum, liebe Ratgebergesellschaft, nehmt es den PatientInnen nicht übel, wenn die nicht so dankbar sind, wie Ihr es angemessen fändet. Die meisten kennen sich mit ihrer Krankheit sehr gut aus, sind in Qualitätszirkeln oder Selbsthilfegruppen, haben alle angesagten Odysseen hinter sich und irgendwann beschlossen, dass die Dauer-Krise des “Es ist immer noch nicht Weg-Syndroms” dadurch beendet wird, dass man einfach damit lebt.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

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