Öffentlichkeit und Privatheit von Narben

Oktober 14th, 2011

Als Jugendliche fand ich Menschen mit Narben hoch interessant. Sie  hatten offensichtlich etwas Dramatisches erlebt. Je länger oder größer die Narbe, desto spannender. Für Pubertierende ist es nicht ungewöhnlich, ein dramatisches Leben als Ideal zu haben. Also haben meine Freundinnen und ich Menschen mit Narben immer auch ein bisschen um ihr offensichtlich ereignisreiches Leben beneidet.

Das war die Sicht der Narbenlosen auf die anderen.

Wie ist eine Narbe aber, wenn sie die eigene ist? Bei jedem Blick in den Spiegel wird sie besonders wahrgenommen, hebt sich immer ab, ist immer sichtbarer als die unversehrte Haut darum herum. Immer erinnert sie als stummes Zeichen daran, warum ich sie habe: weil ich angefahren wurde, weil ich unglücklich stürzte, weil ich krank war…

Fühlt sie sich wirklich als die “eigene” an oder ist sie nur da, ohne wirklich dazu zugehören?

Eine Narbe ist ein anderes Zeichen als ein Tatoo. Beides wird zwar von einem anderen “gestochen”, aber ein Tatoo wähle ich mit Bedacht und unter ästhetischen Gesichtspunkten aus. Ein Tatoo zeigt: So will ich gesehen werden.

Eine Narbe dagegen ist ein Zeichen dafür, dass mir etwas Nicht-Selbstgewähltes zugestoßen ist. Jeder, der sie sieht, weiß: “Aha. Da war was.” Sie gibt Zeichen von etwas, von dem ich vielleicht gar nichts zeigen will. In jedem Fall zeigt sie, dass ich versehrt worden bin. Das geht nicht jeden etwas an. So gesehen sind Narben sensible Daten. Man müßte sie eigentlich unter Datenschutz stellen. Was aber, wenn sie an Körperstellen sind, die nicht durch Kleidung bedeckt sind? Oder wenn ich in die Sauna gehen? Dann verraten sie meine (überstandenen) Verletztheiten.

An dieser Stelle könnte man für die Burka als Ganzkörper-Datenschutz plädieren. Dann würden wir allerdings unseren gesamten Anblick der Welt entziehen. Wir wären damit auch selbst Begegnungen mit der Welt entzogen. Wir würden dann mit bestimmten Wahrnehmungen nicht konfrontiert, dafür aber mit dem Fehlen von individueller Wahrnehmung unserer Person.

Ist es dann leichter, Narben als individuelle Spezifität unserer Person zu tragen?

Ich weiß es nicht. Narben bleiben eine sichtbare Markierung für nicht sichtbare (und weitgehend abgeschlossene) Bewältigungsprozesse. In den meisten Fällen tauschen wir uns nicht darüber aus, wofür sie stehen und was sie für uns bedeuten. Das bleibt privat und intim.

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