Kümmere Dich nicht um Deine Gefühle – die ziehen Dich nur runter…

September 23rd, 2011

Klingt seltsam, oder? In einer Gesellschaft, in der wir alle therapiert sind und Psychologen und Therapeuten für alle unsere Probleme da sind, halten wir gemeinhin unsere Gefühle für das Wahre, das eigentliche Ich. Ich fühle, also bin ich…

Aber die  Überschrift ist das Ende der Geschichte. Angefangen hat alles ganz anders.

Am Anfang war ich nur irritiert. Später habe ich mich enorm aufgeregt.

Es begann bei einer Podiumsdiskussion, die ich zu moderieren hatte. Die Leiterin einer Krebsselbsthilfegruppe ließ die Bemerkung fallen:

“Die Frage >Warum ich?< soll man sich ja gar nicht stellen.”  “???” “Ja, das wird  immer wieder gesagt.”  “AAA-Ha.”

Die zweite Situation war der Vortrag einer Psychoonkologin: “Fragen Sie bloß nicht >Warum ich?< – da kommen Sie in Teufels Küche.”

Da saß ich nun als Patientin und als Philosophin mit zwei Staatsexamen und hörte mir an, wie die Frage “Warum ich?” mit einer Art Denkverbot versehen wurde. Wie kann das sein? Für mich und andere Philosophen repräsentiert die Frage “Warum ich?” die gesamte existenzielle Situation eines Menschen, der die sinnhafte Einheit seiner Biografie verloren hat. Die schockhafte Diagnose wirft einen Menschen in eine fundamentale existenzielle Krise. Das muss gar keine psychische Krise sein. Die Plötzlichkeit der Diagnose trennt einen Menschen von Gewissheiten und Sicherheiten, die bisher galten. Auf einmal stimmt gar nichts mehr. Alles ist aus den Fugen. Was vorher wahr war, nämlich dass man sich gesund fühlte, dass Zukunft einfach immer da und planbar war, dass das eigene Leben so unbedroht war, dass es einem gar nicht auffiel – das war auf einmal alles gelogen. Das Leben vorher erscheint wie abgetrennt. Die Sinnfrage stellt sich radikal. Da braucht man irgendeine Verbindung, eine Brücke, die wieder einen “gesunden” Zusammenhang zu dem Leben vorher und dem Leben jetzt herstellt. Ein “gesunder” Zusammenhang könnte gestiftet werden durch eine sinnvolle Erklärung. Der Weg dahin wurzelt in der Frage “Warum ich?”.

(Durch den intensiven öffentlichen Diskurs über Krebs fragen sich heute auch schon viele PatientInnen “warum nicht auch ich?” Das ist nicht weniger philosophisch, setzt es doch beim eigenen Mensch-Sein an.)

Die Furcht vieler Therapeuten und Psychoonkologen ist, dass Menschen, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, sich in eine niederziehende Spirale von Schuldgefühlen verstricken, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Die vorgezeichnete Antwort für viele – so wird befürchtet – würde die Vorstellung sein, dass eine Krebserkrankung eine Strafe sei für vorherige Verfehlungen. Das ist in Kulturen, die sich “Du-sollst-nicht-Moralen” verbunden füheln, kein Wunder (!). Schulderzeugende Denkmodelle müssen unbedingt hinterfragt werden und an Alternativen gemessen werden. Dazu braucht man ein dialogwilliges, kluges Gegenüber.

Aber einfach zu raten, beschäftige Dich lieber nicht  mit der Frage, ist ungefähr so, als würde ich jemandem in einer verzweifelten Lage sagen: “Kümmer Dich nicht um Deine Gefühle, die ziehen Dich nur runter.” Genauso wie Gefühle, ist die Frage “Warum ich?” nämlich einfach da. Existenzielle Situationen haben das so an sich, dass sie Fragen aufwerfen und wir nicht unbedingt frei entscheiden können, ob wir uns ihnen stellen oder nicht. Sie stellen sich uns. Wenn wir sie verdrängen, geben wir vieles von uns auf: die Reflexion über uns und unser Leben, die Deutungschancen unserer Widerfahrnisse, einen Weg in unsere autonome, mentale und wertegebundene Verortung.

Also: Wenn Sie fühlen, dass ein “Warum ich?” sich in Ihnen entfacht hat, dann stellen Sie sich die Frage ruhig. Und suchen Sie sich kluge und weise GesprächspartnerInnen. Und kneten Sie gemeinsam jede Antwort gut auf ihren Sinngehalt durch. Und entscheiden Sie am Schluss, welche der Antworten Sie am besten trägt. Sie werden es merken: Denken hilft!

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5 Responses to “Kümmere Dich nicht um Deine Gefühle – die ziehen Dich nur runter…”

  1. alf von Kries

    Sehr geehrte Frau Hümbs,
    ihre Ausführungen möchte ich in aller Deutlichkeit unterstreichen!
    (als Leitender Psychoonkologe der HSK Wiesbaden)

    s. dazu eine Vortragssammlung “Wege zum Lebenssinn” ISBN 978-3-89500-620-3

    mit herzlichen Grüßen

  2. Dörte

    Ich finde diese Ausführungen fantastisch und weise und kann sie mir als Anleitung auch für andere Situationen vorstellen (Unfall, Misserfolg etc.) Erst das sich-stellen gibt mir die Macht über mein Leben zurück.

  3. admin

    Liebe Dörte,

    Dein letzter Satz: genau das!
    Auch die anderen Situationen zu erwähnen, finde ich richtig. Danke für diese Ergänzung. Und noch eine dazu: Von Naturkatastrophen getroffen werden.

    Herzlichen Gruß

    Agnes

  4. admin

    Sehr geehrter Herr vK,
    ach, das tut aber gut. Wie schön, dass Sie da arbeiten, wo Sie arbeiten.
    Und danke für den Literaturhinweis. Das wird sicher viele Leser interessieren!
    Herzlichen Gruß
    AH

  5. Mephestine

    tja, genauso ist es!!!
    Habt Mut, nur Euer Inneres kann alles zum Besten wenden. Die Verneinung der existeniellen, sinnfindenen Not, oder besser die Verneinung des Inneren, der Seele, der Persönlichkeit ist es die Euch von einer Katastrophe, von einer Erkrankung zur nächsten führt.
    Sich selbst wahrnehmen, spüren und entsprechend für sich selbst sorgen, entgegen den Widrigkeiten von außen ist das Ziel für das wir hier auf ‘dieser’ Welt sind. Mehr Reichtum kann man nicht mitnehmen, als der, der schon in uns steckt und der beachtet werden will.

    Und dass Herr von Kries macht Sie zu dem was Sie sind, die Weisheit, Ihr Gefühl für die Menschen, Ihre Wahrheiten.
    Vielen Dank, dass ich Sie kennengelernt habe.
    In tiefer Verbundenheit
    H.