Das Ende der Würde

April 6th, 2011

In Fukushima können an die 1000 Leichen nicht bestattet werden. Sie sind kontaminiert. Wer sie abholt, wird kontaminiert. Wenn man sie den Familien übergibt, werden auch die kontaminiert. Wenn man sie verbrennt, kontaminiert man die Atmoshäre. Wenn man sie bestattet, kontaminiert man den Boden, alles was aus ihm wächst und alles was von ihm frisst, vielleicht auch das Grundwasser. Wenn man sie dekontaminiert, könnten sie noch stärker beschädigt werden, als sie es jetzt schon sind.

Diese Leichen sind Sondermüll. Man ist gezwungen, sie wie Sondermüll zu behandeln.

Wie war das noch mal mit der Würde des Menschen?

Gibt es sie, weil im Gesetzs steht, dass sie unantastbar ist? Und wenn man würdelos behandelt wird, hat man dann trotzdem seine Würde noch? Und empfindet man das auch selbst, dass man sie hat? Hört Würde eigentlich mit dem Tod auf?

Ich glaube, wir müssen nicht lange darüber streiten, dass Artikel 1 des GG  “Die Würde des Menschen ist unantastbar” zwar richtig ist, aber nicht die Realität abbildet. Er ist vielmehr eine Forderung, der wir immer nachkommen sollen.

Wie macht man es denn, dass Würde entsteht?

Menschen gibt es nur in Gemeinschaft. Deshalb haben wir immer Gelegenheit und Anlass, in den anderen einen Teil von uns zu erkennen. Die Wertschätzung und der Respekt, den wir uns selbst entgegenbringen, den wir uns für uns selbst wünschen, den sollen wir auch anderen entgegen bringen. Würde entsteht interaktiv. Man braucht sich selbst und ein Gegenüber dazu. Und beide müssen Würde als zugehörig zum Menschen begreifen, wertschätzen oder spüren können.

Wie gehören unsere Toten dazu? Ein toter Mensch repräsentiert in seinem Tot-Sein ein Stück unserer eigenen Zukunft, einer, der wir nicht mehr selbst begegnen können. Wir sehen an Toten etwas, das uns selbst existenziell betrifft. Wir sehen in ihnen das Menschsein, das sie mit uns teilten. Sie sind welche von uns. Wenn jemand in Toten keine Menschen mehr sehen kann, nennt Julia Glahn das “eine Art pathologischer Mangel an Sozialkompetenz” (S. 63).

Und jetzt sind Tote Sondermüll. Ein Teil der Menschheit ist nach dem Tod Sondermüll. Zum Schutz Lebender und zuküftig Geborener können sie nicht würdevoll bestattet werden.

Bisher dachte ich, Atomkraft sei gefährlich. Dass sie auch über den Tod hinaus entwürdigend ist, wird uns in diesem Frühjahr in Fukushima real vor Augen geführt.

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