Melancholie – eine weise Traurigkeit

August 25th, 2010

Ist es schlimm, traurig zu sein?

Menschen mit einer Krebsdiagnose haben sicher allen Grund, traurig zu sein. Das Leben wäre so schön ohne Krankheiten, Chemos und Nebenwirkungen. Ohne Katastrophen leben zu können – das wäre das Paradies. Genau.

Wenn man im Paradies lebt, ist man aber schon tot. (Oder man begeht wie Adam und Eva ein Bagatelldelikt wie Mundraub und wird fristlos entlassen.)

Es gibt auch auf Erden den Versuch, paradiesische Zustände zu leben. Man muss von morgens bis abends zähnefletschend strahlen und schlechte Laune oder Trauer einfach wegdefinieren. In seinem Buch „Unglücklich glücklich“ nennt Eric G. Wilson das einen kulturellen Zwang zur „american happiness“. Sie wird gleichgesetzt mit Depression, mit Willensschwäche,  oder wird ausgelöst durch das Fehlen von Tabletten. American happiness bedeutet, dass ich Glück und Trauer strikt voneinander trennen muss und nur dem Glück nachstreben darf.

Wilson aber plädiert für eine bestimmte Traurigkeit, die wir Europäer „Melancholie“ nennen. Melancholie ist eine philosophische Traurigkeit. Sie entspringt aus der Haltung heraus, dass Glück und Trauer, Höhen und Tiefen, zum Leben gehören und sich abwechseln. Der Ursprung des melancholischen Zustands liegt nicht in den eigenen Kindheitstraumata, sondern darin, dass ich erkenne, dass das Leben spielt – auch mit mir spielt und dabei manchmal mächtiger ist als ich. Es kann mir Dinge zufügen, die ich nicht will, die ich aber nicht abwehren kann.

Aber in dem Moment, in dem ich begreife, dass es ohne Tiefen gar kein Leben gibt, kann mich diese Melancholie ergreifen. Ab da habe ich im Unglück immer auch die tiefe, ruhige Gewissheit in mir, dass ich gerade eng mit der Wirklichkeit des Lebens verbunden bin. Ab da ahne ich in jedem Glück, dass es ein wunderbares Geschenk ist, das auch einmal vorbei sein wird. In dem Moment, in dem ich begreife, dass es gar nicht in meiner Macht steht, viele dieser Tiefen zu vermeiden, dass sie mich schicksalhaft treffen –  in dem Moment kenne ich diese Traurigkeit. Sie wird mich nie wieder verlassen, weil sie auf der Erkenntnis des Lebens beruht. Und hinter eine Erkenntnis kann man niemals wieder zurück. Wenn wir über die Unvollkommenheit der Welt trauern können, dann bringt uns diese Traurigkeit sehr viel. Sie bringt uns „in Einklang mit der Wirklichkeit“ (S. 45). Das ist ein wirklich philosophisches Lebensgefühl.

Wilson, Unglücklich glücklich

Eric G. Wilson: Unglücklich glücklich. Von europäischer Melancholie und American Happiness. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Held. Stuttgart (Klett-Cotta) 2009

Weitere Infos bei klett-cotta

kaufen bei amazon

Schlagwörter:, , ,

Comments are closed.